Ein verborgener Blick in das Alchemistenlabor – Erste Sichtungen einer bisher unbekannten Handschrift

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von Martin Kluge

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sph-Kontakte Nr. 100 | März 2015

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Ein nebliger Herbsttag 2010. Am Hintereingang des Pharmazie-Historischen Museums Basel hält ein mit rund vierzig Umzugskartons beladener Last­wagen. Sie enthalten 828 Bücher aus dem Nachlass des ETH-Professors Carl Hartwich (1851–1917), die dem Museum vom Institut der Pharmazeutischen Wissenschaften der ETH Zürich als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt werden. Der angelieferte Bücherschatz enthält Werke aus den Jahren zwischen 1520 und 1915, darunter zahlreiche Kräuterbücher und reich illustrierte pharmazeutisch-botanische Fachliteratur. Unter den Raritäten befinden sich einige wenige alchemische Handschriften aus dem Umfeld paracelsistischer Autoren. Sie wurden bisher nicht systematisch bearbeitet und blieben so der Forschung verborgen. Einer dieser bislang unbearbeiteten Schätze soll hier vorgestellt werden.

In der Inventarliste, die zusammen mit den Büchern dem Museum übergeben wurde, trägt sie die Nr. 90 und wird dort mit «Von Hand ge­schrieben. 15. Januar 1608. Manuskript. Historie. Anzahl 1» aufgeführt. Der ungewöhnliche Inhalt des Manuskripts, das ohne Titelseite oder Inhaltsangabe überliefert ist, erschliesst sich erst bei einer intensiveren Auseinandersetzung mit der zum Teil schwer entzifferbaren Handschrift. Auch fehlen der Quelle jegliche Hinweise zu ihrer Herkunft, zu den Autoren, den Schreibern oder zu Vorbesitzern. Einzig das Papier bringt einen auf die Spur: Das durchgehend einheitliche Papier führt als Wasser­zeichen einen Doppeladler mit Krone und Herzschild «A», welches es als Kanzleipapier der Reichsstadt Augsburg kennzeichnet. Demnach wurden die Texte sukzessive in ein leeres, bereits gebundenes, 144 ­Blätter umfassendes Journalbuch im Format 21 x 31 cm eingetragen. Als solches konnte es von der Mitte des 16. Jahrhunderts an bis in die 1630er-Jahre im ganzen süddeutschen Raum erworben werden.

Der Inhalt der Handschrift besteht im Wesentlichen aus zwei grösseren Blöcken: einem Journalbuch aus einem alchemistischen Labor und einer Zusammenfassung wichtiger Paracelsus-Schriften.

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Arbeitsrapporte aus der Alchemistenküche

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«Anno Domini Nostri Iesv Christi, 1608, 15. Januar» – ­

mit diesen Worten beginnt die Handschrift und verrät bereits in der nächsten Zeile, in ­alchemischen Zeichen verschlüsselt, worum es geht: ­« ad » – Wasser zu Gold machen! Drei Seiten lang berichtet hier ein unbekannter Alchemist in einem ausführlichen Protokoll von seinem Versuch, aus Zinn und Quecksilber ein Goldwasser herzustellen. Dieser Eintrag ist der erste einer sich über 120 Seiten erstreckenden Abfolge von jeweils mit Datum versehenen Aufzeichnungen. Als letztes Datum ist der 9. Februar 1616 vermerkt.

Auf alchemische Weise sollten hier im Labor die sieben Metalle (Blei, Eisen, Zinn, Kupfer, Quecksilber, Silber und Gold), aber auch Schwefel oder Salpeter «transmutiert» werden, d.h. sie selbst oder ihr «Geist» sollte in Arzneien angereichert oder zu Gold verwandelt werden. Hinter diesem Ansatz ­verbirgt sich die Vorstellung, dass Metalle nicht feste, unveränderliche Elemente sind, sondern unterschiedliche Zustandsformen ein und derselben Ausgangs­materie, einer Prima Materia. Demzufolge liesse sich Materie durch verschiedene Wandlungsstufen solange von einem Metall ins andere umwandeln, bis sie am Ende, in ihrer höchsten Stufe, in Gold transmutiert ist.

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Der Anfang der «Arbeitsrapporte» eines Alchemisten in der Handschrift Hartwich MS 90.

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Die Einträge lassen die Mühen der Arbeiten im Labor erahnen. Auf einer der nächsten Seiten, notiert am 23. Januar 1608 beim Versuch, ein Quecksilber-Salz oder Beljamus Mercury zu gewinnen, welches «wie ein Wunder» wirke, endet der unbekannte Autor mit den Worten «kostet mich beydes vill glesser vndt mühe biss ich das pordzion finde» [= Kostete mich beides viel, Gläser und Mühe, bis ich die richtigen Verhältnisse gefunden habe]. Auch seine Versuche vom 10. April 1609, ein Calcium-Gold aus Quecksilber zu bereiten, scheiterten. Resigniert beendet er den Eintrag «hadt dem Gold nichts abgwonnen, wie ich meindt». Sein nächster Versuch, mit Kupfersalzen oder einer Zinn-Lösung in der Goldbereitung weiter zu kommen, scheiterte  ebenfalls: «Nichts, auf dissen wegen das Gold zu destruieren, oder mit nuz zuo solvieren.»

Erfolgreicher scheinen hingegen seine Versuche, für Ein köstllich Wasser zuo vielen dingen, ebenfalls aus dem Jahr 1609, ausgegangen zu sein. Der Bericht endet mit den Worten: «Das [Wasser] extrahiert Goldt Erzt [= Golderz], undt kann zu vielen dingen gebraucht werden.» Ein weiteres von ihm erfolgreich gefundenes Oleum Antimonium sei «Jn Chirugia dienstlig», also in der Chirurgie einsetzbar.

Ein anderer Schreibender mit deutlich feinerer Handschrift hat das Journalbuch um drei Doppel­seiten mit weiteren alchemischen Rezepturen ergänzt. Er verrät uns auch, wie man aus alchemischen Zeichen eine Geheimschrift machen kann (vgl. Abb. unten).

Nach einer Leerseite beginnt schliesslich der zweite wichtige Abschnitt der Handschrift mit einer neuen Seitenzählung.

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Schlüssel zur Verwendung einer Geheimschrift in den Ergänzungen des ersten Teils der Handschrift Hartwich MS 90.

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Ein Paracelsus-Konzentrat

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Dieser Abschnitt trägt den Titel Succus ­Paracelsiacus und beginnt mit den Worten Vienna, die matthai divi Apostoli et evangelista Anno 1626 [= Wien, am ­Matthäustag, den 21. September 1626]. Die Art, wie der Titel mit Datums- bzw. Ortsangabe versehen ist, lässt vermuten, dass der Text von einem bestehenden Druck abgeschrieben wurde. Das wäre auch rund 250 Jahre nach Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks nicht ungewöhnlich, da gedruckte Bücher durchaus von Hand abgeschrieben wurden, wenn die Werke schwer zu erhalten waren. Eine bibliothekarische Recherche zeigt aber schnell, dass weder ein Druck unter dem Titel Succus Paracelsiacus erschienen ist noch dass überhaupt eine gedruckte Paracelsus-Ausgabe aus dem Jahr 1626 bekannt wäre. Der Text ist also nie im Druck erschienen. Stattdessen  sollte die Handschrift einst selbst als Druckvorlage dienen: Ein Lektor fing an, sie entsprechend vorzubereiten, indem er begann, die Interpunktion festzulegen und Textkorrekturen einzufügen. Doch ist das Projekt offensichtlich gescheitert, denn er hat diese Arbeit nicht zu Ende durchgeführt.

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Beginn des zweiten Teils der Handschrift mit neuformulierten Paracelsustexten.

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Paracelsus, Querdenker und Wegbereiter

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In diesem Teil der Handschrift geht es also um Schriften aus der Feder des um 1493 in Einsiedeln geborenen und 1541 in Salzburg gestorbenen ­Alchemisten und Arztes Paracelsus. Geboren wurde er als Theophrastus Bombastus Aureolus Philippus von Hohenheim. Bereits als Neunjähriger zog er mit seinem Vater nach Villach in Kärnten, wo er im Bergbau viel über die Gewinnung und Verarbeitung von Metallen lernte. Über seine weitere Ausbildung und frühe akademische Laufbahn ist wenig bekannt. Paracelsus gab an, an mehreren Orten in Deutschland, Frankreich und Italien studiert und in Ferrara promoviert zu haben. Sein unstetes Leben führte ihn als Wundarzt auch nach Salzburg, Strassburg und schliesslich 1526/27 nach Basel. Hier gelang es ihm, das Bein des berühmten Druckers Johannes Froben, das die Ärzte bereits aufgegeben hatten, vor der Amputation zu retten. Von Froben protegiert wurde Paracelsus schliesslich zum Stadtarzt von Basel berufen, was ihm auch ermöglichte, an der Universität medizinische Vorlesungen zu halten. Da er mit seinen unkonventionellen Ansichten und seiner streitbaren Natur den Ärger der medizinischen Fakultät auf sich zog, musste er die Stadt nach kurzer Zeit fluchtartig in Richtung Colmar verlassen. Nie mehr gelang es ihm, eine ähnlich feste Anstellung zu erhalten. Sein weiterer Weg führte ihn nach Esslingen, Nürnberg, Leipzig, St. Gallen und schliesslich 1541 nach Salzburg, wo er noch im gleichen Jahr starb.

Schon zu Lebzeiten spalteten sich die Meinungen über Paracelsus. Die einen sahen in ihm einen begnadeten Wunderheiler. Andere verehrten ihn für seine revolutionären Ansichten über die alchemische Gewinnung von Heilmitteln und sein umfangreiches theoretisches Gedankengebäude über die Ursachen und Heilung von Krankheiten. Für seine Gegner war er lediglich ein Scharlatan.

Zwei für die damalige Zeit bahnbrechende Erkenntnisse gehen auf Paracelsus zurück: Seine legendäre Aussage «Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist» widersprach der damaligen, auf den vier Elementen aufbauenden Weltanschauung. Neuartig war auch sein Vorgehen, Heilmittel mittels alchemischer Verfahren für den menschlichen Körper aufzuschliessen und zu extrahieren. Im Buch Paragranum (1530) bringt Paracelsus die Gewinnung von Arzneien als Aufgabe der Alchemie auf eine einfache Formel: «denn die natur ist so subtil / unnd so scharpff inn ihren dingen / daß sie ohn grosse Kunst nicht will gebrauchet werden / Dann sie gibt nichts ann den tag, daß sein statt vollendet sey [= dass in sich selbst vollendet wäre]/ sonder der mensch müß es vollenden / Diese vollendung heisset Alchimia.»

Paracelsus wurde, wie erwähnt, zu Lebzeiten stark angefeindet und starb vereinsamt in Armut. An der Wende zum 17. Jahrhundert erfuhr er jedoch grosse Verehrung. Seine Werke wurden nun in mehreren Städten herausgegeben, und ihm wurden fremde Schriften untergeschoben, um diese besser vermarkten zu können.

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Die nie gedruckte Paracelsus-Handschrift

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Wie verhält es sich nun mit dem hier vor­liegenden, vermeintlich unbekannten Paracelsus-Text? Der lateinische Begriff Succus bedeutet «Saft» und spielt an auf eine traditionelle Arzneiform, den eingedickten, konzentrierten Pflanzensaft. Paracelisacus bedeutet: die Lehre des Paracelsus betreffend. Es geht also um eine Zusammenfassung der Lehren des Paracelsus in konzentrierter Form. Gleich mehrere seiner zentralen Schriften werden so in der Handschrift wiedergegeben. Der Inhalt des ersten «eingedickten» Paracelsus-Traktats erschliesst sich aus den zwei ­Wörtern der gegenüberliegenden, sonst leeren Seite: PARA­CELSUS. PARAMIRUM. Gemeint ist das Buch Volumen Paramirum, ein wichtiges Frühwerk von Paracelsus, in dem fünf mögliche Ursachen für Krankheiten, fünf Entia, beschrieben werden: Ens Astrale beschreibt Krankheiten, die unter den Einflüssen der Planeten und der Umwelt entstehen; das Ens Veneni bezeichnet Krankheiten durch Gifte und aufgrund falscher Ernährung; Ens Naturale meint Krankheiten, die durch die eigene Konstitution oder genetische Disposition verursacht werden; Ens Spirituale nennt Magie oder böse geistige Kräfte als Krankheitsursache; und schliesslich steht Ens Die für Krankheiten, die durch göttlichen Willen oder durch Schicksal entstehen.

Der Text der Handschrift entspricht aber nicht einer der Druckfassungen des 16. Jahrhunderts. Statt­dessen formuliert er Abschnitt für Abschnitt neu und gibt den deutschen Text auf rund die Hälfte des Umfangs verkürzt wieder. Das gleiche gilt auch für die weiteren, in der Handschrift nachfolgenden Paracelsus-Traktate wie De Origine Morborum (gedruckt in Köln 1565), De Matrice (ebenfalls 1565 in Köln gedruckt), De Generatione Hominis (gedruckt in Strassburg 1577) sowie Fragmenta Medica. Auch sie folgen in einer verkürzten deutschen Neuformulierung. Im originalen Wortlaut lässt sich die Sprache von Paracelsus nur mühsam lesen, und sie war auch für Ohren des 17. Jahrhunderts mit ihren ständigen Wieder­holungen nur schwer verständlich. Daher finden sich Zusammenfassungen oder Neuformulierungen paracelsistischer Texte bereits in Handschriften des späten 16. und des 17. Jahrhunderts. Ausgerechnet von Basel, wo man Paracelsus zu Lebzeiten mit Schimpf und Schande davonjagte, ging nach dessen Tod ein neu erwachendes ­Interesses an seinen Lehren aus. Es war nämlich der Basler Medizin­professor Theodor ­Zwinger (1533–1588), der sich in seinen Vorlesungen als erster wohlwollend mit den Thesen von Paracelsus auseinandersetzte. 1610 veröffent­lichte schliesslich sein Sohn die neuformulierten Paracelsus-Thesen in den Worten Theodor Zwingers in der ­Physiologia Medica. Auf den Punkt gebracht erschienen sie nun klarer und schlüssiger, als sie ­Paracelsus je selbst zu formuliren vermochte.

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