Der Kopistenberuf im 19. Jahrhundert

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von Martina Wohlthat

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sph-Kontakte Nr. 97 | Juli 2013

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Beim Begriff Kopistenwerkstatt denkt man eher an das Buchkopieren mittelalterlicher Mönche als an das berufsmässige Kopieren von Noten zu einer Zeit, als es bereits Eisenbahnen, Strassenbeleuchtung und Papiermaschinen gab. Das 19. Jahrhundert verfügte über eine breite Auswahl von Techniken, die zur Reproduktion von Musiknoten eingesetzt wurden. Im Vergleich mit dem Buchdruck sind Notendrucke wesentlich aufwendiger und schwerer zu standardisieren. Jede Notenseite erfordert eine besondere Aufteilung und die individuelle Anordnung von verschiedenen Notenformen, Bindebögen und Pausenzeichen. Zwar war der Notendruck damals bereits hoch entwickelt, doch für kleinere Auflagen oder Einzelabschriften war das handschriftliche Kopieren häufig das einfachste Mittel, denn es gab noch keine Kopiergeräte, auf denen sich kostengünstig Vervielfältigungen herstellen liessen. Für Verlage, musikalische Leihanstalten und professionelle Kopisten gehörte das Abschreiben von Noten damals sozusagen noch zum täglichen Brot.

Abgesehen von einzelnen Kopisten im Umfeld berühmter Komponisten, gab es bisher kaum Publikationen, die die Arbeitsweise und das Berufsfeld von Kopisten im Bereich der Notenherstellung untersuchen. Diese Lücke schliesst das Buch der Schumann-Forscherin Anette Müller über «Komponist und Kopist – Notenschreiber im Dienste Robert Schumanns», das viele interessante Details zur Technik des handschriftlichen Kopierens im 19. Jahrhundert enthält.

Mehrjährige Forschung bildet die Grundlage für dieses mit zahlreichen Abbildungen ansprechend gestaltete Buch, dessen Informationsfülle schon beim ersten Durchblättern begeistert. Um sich gründlich mit einem Komponisten aus vergangenen Jahrhunderten zu beschäftigen, ist die Rolle der Kopisten wichtig. Bei Robert Schumann zum Beispiel zeigt sich, dass die von ihm beschäftigten Kopisten in den Entstehungsprozess einbezogen waren. Dies waren nicht nur Berufs- und Gelegenheitskopisten, sondern auch Mitglieder aus dem Freundes- und Familienkreis, allen voran Schumanns Ehefrau Clara. Anette Müller leistet auf diesem Gebiet wahre Pionierarbeit, da sie auch den beruflichen Alltag der Kopisten erhellt.

Wer weiss zum Beispiel, dass Jean-Jacques Rousseau nicht nur als Musiktheoretiker und Komponist sondern auch als Notenkopist arbeitete und 1768 in seinem Dictionnaire de musique den ersten nachweisbaren Artikel über die Tätigkeit der Kopisten verfasst hat? Das in der Kanzleisprache verwendete Wort Kopie ist vom lateinischen copia (Fülle, Vorrat, Menge) abgeleitet und wurde bereits früh im Sinn von Vervielfältigung verwendet. Denn, so die Autorin, Abschriften erzeugen Fülle, Reichtum, Vermehrung und Vervielfachung bestehender (Noten-)Texte. Im Zeitalter der Fotokopie droht die Fülle der Kopien dagegen das Original zu entwerten. Das Computerzeitalter nivelliert durch die Möglichkeit, gespeicherte Notentexte jederzeit auszudrucken, den Unterschied von Original und Reproduktion.

Anders in früheren Jahrhunderten, wo man Originale noch in zeitraubender Kopierarbeit vervielfältigen musste. Um 1800 waren Notenkopisten vorwiegend für Theater, Verlage, kirchliche und höfische Arbeitgeber tätig. Die sozialen Umbrüche am Ende des 18. Jahrhunderts führten dazu, dass sich der Beruf des Komponisten und parallel dazu derjenige des Kopisten zu einem freien Berufszweig entwickelte. Der sich ausbreitende Musikalienhandel bot die Chance einer ökonomisch einträglichen Tätigkeit. Neben den professionellen Kopisten beteiligten sich musikalische Laien an den handschriftlichen Kopierarbeiten. Wahrscheinlich war dies schon früh ein Tätigkeitsfeld für musikalisch gebildete Frauen. Zugegeben, mitunter irrte der Kopist, weil er zum Beispiel einen Takt vergass. In der Mehrzahl aber zeugen Notenabschriften nicht nur vom Fleiss, sondern in ihrer kalligraphischen Schnörkelschrift auch vom Geschick und der Sorgfalt ihrer Schreiber.

In ihrem Buch geht die Autorin zudem auf die Schreibgeräte wie Schreibfedern und sogenannte Rastrale ein. Der Begriff geht auf das lateinische Wort rastrum (Harke, Rechen) zurück und beschreibt die Form dieses Liniergerätes. Denn beim Ziehen der Notenlinien wurden die Linien nicht einzeln mit Feder und Lineal gezogen, sondern man bediente sich solcher am Ende mit fünf Spitzen versehenen, kleinen «Rechen», mit denen ganze Liniensysteme sauber aufs Papier gebracht werden konnten. An die Beschaffenheit des Notenschreibpapiers wurden besondere Anforderungen gestellt. Es musste fest und glatt sein, um der Schreibfeder möglichst geringen Widerstand zu leisten. Um ein Durchschlagen der Schrift zu vermeiden, war gutes Notenschreibpapier dicker als gewöhnliches Schreibpapier und eignete sich auch zum doppelseitigen Beschreiben. Schon Rousseau wies darauf hin, dass der Kopist nur gutes, starkes, mittelfeines Papier verwenden solle. Solches Papier war auch beim häufigen Umblättern genügend reissfest und geschmeidig genug, um die Blätter möglichst geräuschlos wenden zu können.

Besondere Aufmerksamkeit widmet die Autorin den beim Kopieren verwendeten Tinten. Neben den gewöhnlichen Schreibtinten kamen auch Spezialtinten wie die Kopiertinte zum Einsatz. Letztere wurde in Kanzleien benutzt, um identische Abklatschkopien von Schriftstücken herzustellen. «Kopiertinten müssen mehr Farbstoff enthalten als gewöhnliche Tinten, auch versetzt man sie mit mehr Gummi und etwas Glyzerin», heisst es in Meyers Grossem Konversations-Lexikon (Bd. 19, 6. Aufl., Leipzig 1909).

Für solche Tintenkopien wurde dünnes, ungeleimtes Kopierpapier verwendet, das so beschaffen war, dass der Farbstoff durchschlug und die Handschrift auf der Rückseite des Blattes seitenrichtig zu lesen war. Das Verfahren wird von Louis Edgar Andés in seinem Buch «Schreib-, Kopier- und andere Tinten. Praktisches Handbuch der Tintenfabrikation» (Wien 1906) beschrieben: «Von den damit hergestellten Schriftzügen auf dünnem ungeleimten Papier [… konnten] unmittelbar nach dem Schreiben, nach Verlauf einer Anzahl von Stunden oder selbst nach einigen Tagen unter Befeuchtung mit Wasser und Anwendung eines leichteren Druckes […] dem Original vollkommen gleiche Abdrücke […] hergestellt werden.» (Zitiert nach Anette Müller, S. 106). Dabei wurde nach dem «Sandwich»-Prinzip das mit Kopiertinte beschriftete Original, das Kopierpapier ein feuchtes Löschblatt und ein Karton zum  Aufsaugen der Flüssigkeit übereinander gelegt und gepresst.

Für die Notenreproduktion bedeutsam wurde dann die Technik der Autographie, ein Verfahren, bei dem der Text von einem besonders präparierten Umdruckpapier auf den Lithographiestein oder eine Metallplatte übertragen wurde. Schon der Erfinder der Lithographie, Alois Senefelder, unterstrich in seinem «Vollständigen Lehrbuch der Stein­druckerey» (München und Wien 1818) die Vorteile des Umdruckverfahrens. In der Lithographie muss das Druckbild seitenverkehrt auf den Stein gezeichnet werden. Senefelder löste dieses Problem, indem er seine Arbeiten auf Papier seitenrichtig ausführte und sie von dort auf den Stein umdruckte. So erhielt er ein seitenverkehrtes Druckbild auf dem Stein und davon wiederum einen seitenrichtigen Druck.

Bei der Autographie wurden die Noten mit autographischer Tusche auf Umdruckpapier geschrieben, auf einen Druckträger wie Stein oder ein Druckblech übertragen und anschliessend drucktechnisch vervielfältigt. Auf diese Weise konnten relativ einfach vollkommen identische Kopien hergestellt werden. Gerade zur Vervielfältigung von handgeschriebenen Aufführungsstimmen etwa für Chöre bot die Autographie eine gute Alternative zum handschriftlichen Kopieren.

Ein prominentes Beispiel für den lithographischen Umdruck einer Handschrift ist der Erstdruck der Partitur der Oper Tannhäuser, zu der der Komponist Richard Wagner selbst die handschriftliche Vorlage lieferte. Der Erstdruck der Partitur wurde in 100 Exemplaren gedruckt. Wagners Handschrift ist im Titel der Druckausgabe erwähnt: «Tannhäuser / und / der Sängerkrieg auf Wartburg […] Als Manuscript von der Handschrift des Componisten auf Stein gedruckt. / Dresden 1845.» Richard Wagner musste so nicht einmal auf die Dienste eines Kopisten zurückgreifen.

Anette Müller, Komponist und Kopist – Notenschreiber im Dienste Robert Schumanns, Hildesheim: Georg Olms Verlag 2010, 444 S., Gebunden, 74,- €.

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