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Wasserzeichen: Erfassen – Verstehen – Deuten – Teil III: Ein Zeichen ist nicht gleich ein Zeichen

von Martin Kluge

sph-Kontakte Nr. 106 | Juli 2019

Abb. 1: Baselstab-Wasserzeichen mit den Hausmarken der Papiermacher Heusler, Düring, Dürr und Thurneysen

Einige Gedanken zur Bedeutungstransformation von Wasserzeichenmotiven.
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In dieser dreiteiligen Reihe, die sich mit dem Informationsgehalt von Wasserzeichen auseinandersetzt, geht es darum, Wasserzeichen als Zeichencode zu verstehen. Ausgehend von einigen zeichentheoretischen Überlegungen im ersten Teil, folgte im zweiten Teil ein chronologischer Überblick, der aufzeigte, wie sich die Gestaltung der Bildmotive im Verlauf der Jahrhunderte änderte. Vor diesem Hintergrund soll nun im hier folgenden dritten und letzten Teil anhand von drei Beispielen das Kommunikationspotential von Wasserzeichen im Detail vorgestellt werden. Ausgewählt wurden drei Beispiele, bei denen das Motiv über einen sehr langen Zeitraum jeweils gleich bleibt, während sich der Informationsgehalt und die Bildbedeutung verändern.

Basler «Stab»-Papiere

Den Anfang soll ein weit verbreitetes, schweizerisches Motiv machen, welches vom 16. bis ins späte 19. Jahrhundert verwendet wurde: der Baselstab. Es geht auf die Basler Papierproduktion zurück. In Basel, dem wohl mit Abstand wichtigsten Papiermacherzentrum der Schweiz, lässt sich Papierproduktion bis in die Zeit des Basler Konzils (1431–1449) zurückführen. In jenen Jahren stieg der Papierbedarf der unzähligen Kanzleien in der Stadt immens an und es dürfte ein einfaches rechnerisches Kalkül gewesen sein, dass es einfacher und wirtschaftlicher sei, die Papiere in der eigenen Stadt herzustellen, als sie von Italien und Frankreich zu importieren. In der Folge gelang es den aus Norditalien rekrutierten Papiermachern, den Brüdern Antonius, Hans und Michael Gallizian, in kurzer Zeit eine florierende Papierproduktion aufzubauen. Sie betrieben vier eigene Papiermühlen und waren an vielen weiteren, auch ausserhalb Basels, beteiligt. Als Wasserzeichen führten sie u.a. den Ochsenkopf mit Antoniuskreuz. Doch 1521 verwickelten sich die Galliziani in politische Streitigkeiten, die dazu führten, dass sie aus der Stadt fliehen mussten.

Nach dem Zusammenbruch der Dynastie der Galliziani sprangen aufstrebende Papiermacherfamilien, die Dürr, Heusler, Düring und Thurneysen, in die Bresche und bestimmten für die folgenden 200 Jahre den Papiermarkt der Stadt. In den 1520er- Jahren etablierten sie den Baselstab als Zeichen für in der Stadt gefertigte Papiere.1 Um sich innerhalb der Stadt gegenseitig abzugrenzen, hängten sie ihre Hausmarke an das Hauptzeichen, den Baselstab, an. Dieses Wasserzeichen wurde vor allem von den 1540er-Jahren bis kurz nach 1600 verwendet.

Bald schon genossen die Basler Papiere, allen voran die etwas kräftigeren Kanzleipapiere, einen guten Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus. Und so dauerte es nicht lange, bis etwa um 15452, dass auch ausserhalb Basels Papiere mit dem Baselstab und Beizeichen entstanden.

Abb. 2: Baselstab-Wasserzeichen mit angehängten Marken nicht-Basler Provenienz aus den 1540er- bis 1570er-Jahren.

Abb. 3: Baselstab mit Basilisk, weiterhin mit angehängter Hausmarke, hier der Papiermacherfamilie Heusler.

Die Basler Papiermacher, die selbst durch eine diplomatische Intervention des Basler Rats in Frankfurt diesen Missbrauch nicht abstellen konnten, reagierten, indem sie die Bildsprache des Wasserzeichens anpassten: Je mehr sich die sogenannten «Stab-Papiere» als Sorte etablierten, desto wichtiger erschien es, die Basler Herkunft der Papiere als Qualitätsargument zu betonen. Dies gelang, indem dem Baselstab ein Basilisk zur Seite gestellt wurde. Durch den typisch Basler Wappenhalter sollte die Herkunft im Zeichen ein für alle Male sichergestellt werden.3

Nach einer ersten grossen Blüte der Basler Papierproduktion im 15. und frühen 16. Jahrhundert drohte das Geschäft aufgrund der Reformation und einer nun stärker durchdringenden Zensur zu stagnieren. Ein neuer Aufschwung gelang jedoch durch den Export der Basler Papiere. Für den Fernhandel bildete die Frankfurter Buchmesse den Hauptumschlagsplatz im deutschsprachigen Raum. Den Baslern spielte damals in die Hände, dass sich die Niederlande im Krieg mit Spanien befanden. Mit der Eroberung Antwerpens durch die Spanier im Jahr 1585 wurden die Handelsstrassen nach Frankreich unterbrochen und damit die Niederlande von ihrem wichtigsten Papierlieferanten abgeschnitten. Auf der Suche nach neuen Handelsbeziehungen bot sich nun die Rhein-Route an, auf der Waren direkt von Frankfurt nach Holland geschifft werden konnten. Bis 1609 florierte das Geschäft. In diesem Jahr schlossen die Niederlande Frieden mit Spanien, wodurch Basels monopolartige Stellung verloren ging.

Für die Ausgestaltung der Wasserzeichen hatte der Absatz in der Ferne Konsequenzen: Galt es zuvor, die in der Stadt Basel produzierten Papiere durch das Anbringen von Hausmarken zu differenzieren, stellte sich nun für Nikolaus Heusler das Problem, dass seine Marke ausserhalb von Basel nicht erkannt und damit als Zeichen nicht gelesen werden konnte. Folglich ersetzte er diese durch seine Initialen.

Für den internationalen Absatzmarkt waren aber auch die Initialen zu wenig aussagekräftig, so dass er seinen Namen durch das sprechende Zeichen «Haus» ersetzte.

Abb. 4. Links: Ein Heusler-Wasserzeichen mit den Initialen NH (Nikolaus Heusler), rechts das gleiche Motiv mit dem sprechenden Zeichen «Haus». Der Baselstab als Hinweis auf die Sorte wird sekundär.

Abb. 5: Aus: Louis Sébastien Lenormand: Handbuch der Papier-Fabrikation: oder, Vollständige und genaue Beschreibung der Papiermacherkunst, Band 1, Weimar und Ilmenau 1835

Aus dem Baselstab, der als Wasserzeichen ursprünglich auf den Entstehungsort Basel hinweisen sollte, entstand ein Sortenzeichen für qualitativ hochwertige Schreibpapiere. Noch um 1801 wurden die in Frankfurt an der Buchmesse gehandelten Papiere nach ihren Wasserzeichen benannt. Die Stabpapiere bildeten hier mit «mittelfein» und «fein» die mittlere Qualitätsstufe (Abb. 5).

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verlagerten sich die Papierbezeichnungen zunehmend auf Formatangaben. «Stab» steht nun für das Format 38 x 48 cm. Schliesslich, im Juni 1883, wurden für ganz Deutschland 12 Normalformate verbindlich eingeführt, welche alle bisherigen Formatbezeichnungen ersetzten. Der bis anhin gebräuchliche «Stab» musste der Bezeichnung «Normalformat Nr. IV» weichen.

Die Narrenkappe

Ein dem Baselstab vergleichbares Motiv ist die Narrenkappe. Entgegen den Vermutungen von Dard Hunter4, der die Entstehung des Motivs in der Mitte des 15. Jahrhunderts annahm, und Armin Renker5, der die Anfänge sogar zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Italien und Frankreich sah, dürfte die Narrenkappe im alemannischen Süddeutschland oder am Oberrhein im frühen 16. Jahrhundert entstanden sein. Der früheste heute greifbare Beleg ist von 1531. Ein früher Typus der Narrenkappen, der für die Jahre 1537 bis 1546 belegt ist, zeigt einen Narrenkopf im Profil (Abb. 6).

Dieses Motiv, das oft in auffallend weissen Papieren von hoher Qualität anzutreffen ist, lässt sich möglicherweise so deuten, dass mit diesem Zeichen Papiere gekennzeichnet wurden, die in Fasnachtszeit, also im Frühjahr gleich nach der Winterpause, gefertigt wurden. Im Winter gelagerte Lumpen waren gefroren und erhielten nach dem Auftauen eine besondere Qualität.

Basel wurde zu einem wichtigen Produktionsort dieser Papiere, und die Papiermacher zeichneten sie mit der entsprechenden Marke aus. Auch dieses Papier wurde an der Frankfurter Buchmesse gehandelt und verbreitete sich rasch in ganz Europa.

 

Abb. 6. Narrenkappen-Wasserzeichen von 1531 und 1540

Abb. 7: Narrenkappe mit Heusler-, Düring-, Dürr-Marke.

In den Niederlanden wurden die so produzierten Papiere im frühen 17. Jahrhundert häufig für Kupferstiche und Zeichnungen verwendet. So findet sich unter diesen Künstlerpapieren ein erstaunlich hoher Anteil mit Narrenkappenwasserzeichen Basler Provenienz. Doch, wie bereits oben erwähnt, brach mit dem Waffenstillstand 1609 der Handel zusammen. Gleichzeitig entstand ein eigenes Papiergewerbe im holländischen Gelderland, das im europäischen Papierhandel rasch eine führende Rolle erlangte. Die bekannteste Marke dieser Region war das Pro- Patria-Wasserzeichen, welches bald in ganz Europa begehrt (und kopiert) wurde.6 Die ersten holländischen Papiermühlen benutzen zunächst jedoch internationale Wasserzeichen wie Lilie, Narrenkappe oder Posthorn.7

Wie bedeutend der Anteil der in Basel produzierten Narrenkappen-Papiere war, zeigt sich an der Tatsache, dass das Narrenkappenwasserzeichen mit angehängter Basler Düringmarke zum Inbegriff des Motivs aufstieg. In Holland wurde die Hausmarke allerdings nicht als solche verstanden. Vielmehr wurden die Kreise der Düring-Hausmarke als angehängte Schellen, als Teil des Bildesmotivs gelesen, die Hermes-Vier kurzerhand zu einer Schlaufe uminterpretiert.

Eine ganz andere Entwicklung nahm das Zeichen in England: Der aus Lindau gebürtige Papiermacher Johann Spielmann (John Spilman) hatte in Nürnberg die Goldschmiedekunst gelernt, bevor er nach England emigrierte. Im Jahr 1588 errichtete er eine Papiermühle in Dartford. Zeitgenossen feierten ihn dafür als Pionier der englischen Papiermacherei. Der Überlieferung nach soll Spilman die Narrenkappe als Wasserzeichen in England eingeführt haben. Es lässt sich vermuten, dass er aus seiner alten Heimat die ihm bekannte Sortenzeichen mitnahm und deshalb die Narrenkappe verwendete. In seinem Fall wäre aber auch eine weitere Lesbarkeit des Motivs denkbar, nämlich als sprechendes Zeichen für seinen Namen «Spielmann». Jedenfalls berichtete Peter Tschudin, ihm wurde am IPH-Kongress in Durham (1988) in der Kirche von Dartford die Grabtafel für die Gemahlin Johann Spielmanns gezeigt. Der recht beschädigte Stein zeige eine Narrenkappe als Wappen der Familie.

In England hat sich die Narrenkappe als gängiges Zeichen bis ins 20. Jahrhundert gehalten. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierte sich «Foolscap» als Bezeichnung für das Papierformat von 8 x 13 inches (203 × 330 mm).

Abb. 8: Zwei Narrenkappen-Wasserzeichen, bei denen die Düring-Marke als Schellen interpretiert wurden sowie eines, welches die Düringmarke übernimmt, das Motiv aber um die Hausmarke bzw. die Initialen des Herstellers ergänzt.

Abb. 9: Zwei Fichten-Wasserzeichen der oberen Fichtenmühle. Rechts mit «Maiensockel».

Fichtenbaumpapiere

Das letzte Beispiel ist wiederum eines, welches von Schweizer Papiermühlen hergestellt und über die Frankfurter Buchmesse vertrieben wurde: die Fichtenbaumpapiere. Wie oben erwähnt, waren es verhältnismässig gute Papiere.

Das Motiv der Fichte oder Tanne als Wasserzeichen dürfte als sprechendes Zeichen der rund 25 km südlich von Nürnberg gelegenen Oberfichtenmühle entstanden sein. Die schon 1363 als «Viecht Muel» erwähnte Mühe wurde spätestens 1433 zu einer Papiermühle umgebaut.8 Der dortige Papiermacher Hans Maier dürfte um 1650 das Fichten-Wasserzeichen als sprechendes Zeichen für seine Mühle eingeführt haben.9 Das Motiv fand rasch Verbreitung und Nachahmung, erst im Raum Nürnberg und anderen Teilen Bayerns, und schliesslich auch ausserhalb Bayerns. Als Johann Friedrich Maier, ein Neffe des besagten Hans Maier, die Papiermühle 1725 übernahm, dürfte er sich über die zahlreichen missbräuchlichen Nachahmungen «seines» Wasserzeichens geärgert haben. Zur Kennzeichnung, dass die Fichtenbaum-Papiere tatsächlich aus seiner Produktion stammten, führte er erneut ein sprechendes Zeichen ein, den Fichtenbaum mit sogenanntem Maiensockel (drei blühende Zweige). Sehr erfolgreich ist er mit dieser Kennzeichnung nicht gewesen, denn die Papiermacher der 1781 gegründeten Papiermühle in Spechthausen übernahmen nicht nur die Fichte als mittlerweile etabliertes Sortenzeichen, sondern auch den Maiensockel gleich mit.

Um 1800 war das Zeichen schon im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet. Auch Basler Papiermacher führten das Filigran für «Fein Fichten- Baum Canzley Papier», allen voran Thurneysen.

Eine politische Umdeutung erfuhr diese Handelsmarke während der Zeit der französischen Revolution. Um eine phrygische Kappe bzw. die Jakobinermütze erweitert und zum Teil mit den Losungsworten der Französischen Revolution versehen, wurde aus der oberfränkischen Fichte ein französischer Freiheitsbaum.

Dies kann als ein weiteres Beispiel dafür dienen, wie sich die Bildbedeutung von Wasserzeichenmotiven durch Veränderungen politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Kontexte verändert hat. Weitere Beispiele dafür liessen sich anführen, dies würde den Rahmen dieser Artikelreihe jedoch sprengen. Das Kommunikationspotential von Wasserzeichen ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Abb. 10: Fichten-Wasserzeichen, zu einem Freiheitsbaum ungedeutet und mit den Parolen der französischen Revolution versehen.

Anmerkungen

1 Walter F. Tschudin führt Belege von 1526 bis in die 1590er-Jahre an, vgl. The ancient paper-mills of Basle and their marks. Hilversum, 1958 (Monumenta Chartae Papyraceae Historiam Illustrantia VII) Nr. 113-135.

2 WZIS Referenznummer DE2730-PO-33395, vgl. Abb. 3.

3 Baselstab mit Basilisk als Wappenhalter, vgl. W. F. Tschudin Nr. 287-–15. Früheste Belege des Motivs bei Düring 1520 (Nr. 302), bei Dürr 1545 (Nr. 298), bei Thurneysen 1565 (Nr. 296) bei Heusler 1567 (Nr. 287).

4 Dard Hunter, Papermaking. The History and Technique of an Ancient Craft, New York 1978, S. 137.

5 Armin Renker, Das Buch vom Papier, Leipzig 1936, Anhang Wasserzeichen, Blatt II.

6 Nana Badenberg, Das Pro Patria-Wasserzeichen. Zur Geschichte eines filigranen Motivs (1699-1914), Basel 2016.

7 Peter Rückert, Ochsenkopf und Meerjungfrau. Papiergeschichte und Wasserzeichen vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Stuttgart 2009, S. 17.

8 http://www.oberfichtenmuehle.de 9 Der älteste bekannte Beleg von 1647 ist in The Nostitz Papers, (Monumenta Chartaepapyraceae Historiam Illustrantia Band V), Hilversum 1956, WZ-Nr. 733, S. 118. Vgl. auch Wisso Weiss, Zeittafeln der Papiergeschichte, S. 131.