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Filigran und formschön: Schmuck aus Papier

von Nana Badenberg

sph-Kontakte Nr. 104 | Juli 2017

Abbildung 1: Kette mit Olivensteinen (B. Benedetti)

Zart und feingliedrig entfalten sich die Blätter, vorwitzig spitzen sie in alle Richtungen. Ihre Stiele entwachsen den Gliedern einer papiernen Kette, und so natürlich das Blattwerk anmutet, das sich wie zufällig und doch seiner Form bewusst im Raum verteilt, seine Gestaltung ist hochgradig artifiziell. Die luftig-leichten Ketten sind kleine Kunstwerke, Schmuck nicht nur zum Anschauen, sondern durchaus tragbar. Denn Papier ist bekanntlich leicht, leichter als die in der Schmuckherstellung für gewöhnlich verwendeten Edelmetalle, und es ist ein ‹warmes› Material, kein leitender, sondern ein Dämmstoff, wasserbeständig zudem. Tragekomfort also, der dem Schmuck erlaubt, was er vom Wortsinne her will: sich anschmiegen an den Körper seines Trägers. Und auch auf der Herstellerseite hat das Material viele Vorteile. Es ist leichter zu bearbeiten als Metall und verfügt dabei doch über die nötige Formstabilität. Vielleicht wirkt das Blattwerk der Ketten deshalb so unbeschwert.

Vor etwa drei Jahren hat Bea Benedetti Papier als Material zur Schmuckgestaltung entdeckt und seine Vorzüge sogleich zu nutzen gewusst. Die gelernte Goldschmiedin begann damit, Ketten und Colliers aus Papiergarn herzustellen. Dabei hängte sie in die Kettenglieder nicht nur Fäden ein, die sie zu Blättern entfaltete, sondern ergänzend auch andersfarbige Blüten, etwa die struppig-gelben des Löwenzahns. Oder sie fädelte noch ‹artgerechte› Steine mit auf: Oliven, Kirschen, Sandelholzsamen. Das verleiht den Bijous eine organische Eleganz. Es scheint fast, als gewönnen die Pflanzenfasern auf diese Weise ihre ursprüngliche Gestalt zurück.

Abbildung 3: Kette mit Löwenzahn (B. Benedetti)

Das verwendete Papiergarn stammt aus Finnland, ist hochwertig, gesponnen und mit Pflanzenfasern gefärbt. Gedacht ist es vornehmlich zum Weben. Als Ersatz für Wolle, Leinen oder Jute ist Papiergarn selbstredend schon lange bekannt. Im Grimm’schen Märchen von den drei Männlein im Walde muss das ungeliebte Stiefkind in einem Papierkleid von dannen ziehen, und im ausgehenden 19. Jahrhundert hoffte man damit günstiger Wäsche herzustellen (vor allem Manschetten, Vatermörder oder Krausen) und wetteiferte um die besten Herstellungsverfahren. Während des Ersten Weltkriegs geriet es dann als vielfach eingesetztes Ersatzprodukt (selbst Pferdegasmasken wurden daraus produziert!) endgültig in den Ruch einer Mangelware. Diesen Ruf hat es längst verloren. In Finnland gibt es verschiedene Hersteller, und dort findet es bei Designerprodukten Anwendung (z.B. die Teppiche von Woodnotes). Auch bei uns erfreut sich finnisches Papiergarn wachsender Beliebtheit. Wie gestalt- und wandelbar das Material ist, zeigt sich mit der wachsenden Geschicklichkeit, die für die jeweilige, oft kleinteilige und ins Detail gehende Bearbeitung notwendig ist. So kann Papier(garn) zum schmucken Objekt werden.

Abbildung 4: Collier, Silberschliesse mit Magnet (B. Benedetti)

Bea Benedetti, die in Basel lebt und ihre Arbeiten dort immer wieder auch ausstellt, fertigt nicht nur Papierschmuck, der sich gestalterisch an Pflanzenornamenten orientiert. Schlichter, aber nicht minder kunstvoll sind ihre Colliers aus mehrfach verflochtenem Papiergarn mit eleganten Holz- oder Silberschliessen, die von Magneten zusammengehalten werden. Und inzwischen verwendet sie auch Schichtpapier, das sie aus zum Teil verschiedenfarbigen Lagen aufbaut und das sich dann wie Holz bearbeiten lässt. Hier besticht neben der Materialität die klare Formgebung. Papier ist eben ein ganz besonderer und ein besonders schmucker Stoff.

Abbildung 5: Ohrstecker «Schichtpapier», Silber (B. Benedetti)

Abbildung 6: Detail einer Kette aus Papiergarn (B. Benedetti)