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Vom Wandel der Werte – Die Wiederverwendung mittel-alterlicher Choralhand-schriften als Bucheinbände im neuzeitlichen Basel

von Selina Spatz und Bettina Thommen

sph-Kontakte 103 | Februar 2017

Abb. 1: Archivalien mit Einbänden aus Fragmenten des «grossformatigen Barfüsser-Antiphonars» aus dem 14. Jh. Staatsarchiv Basel-Stadt, Spitalarchiv F 4, 1689, 1690, 1692, 1694 und 1695 (Foto: Daniel Spehr, bearbeitet von Martin Kluge)

1 Die im Folgenden angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf das Buch «Ein Kleid aus Noten» aus der Buchbesprechung (separater Artikel) Link

Die vielfältige mittelalterliche Klosterlandschaft Basels, die das städtische Leben bis zur Reformation stark prägte, erschliesst sich uns heute erst auf den zweiten Blick. Zu ihrem Erbe gehören neben einigen erhaltenen, im Stadtbild noch immer herausragenden Bauten und wertvollen Kunstwerken auch mittelalterliche Handschriften. Unter diesen befindet sich eine grosse Anzahl liturgischer Choralcodices, die uns meist stark fragmentiert, dafür jedoch oft in aussergewöhnlicher Form überliefert sind: als Einbände profaner neuzeitlicher Bücher. Zahlreiche solche in Musikfragmente gehüllte Archivalien begegnen uns heute, sorgsam verwahrt, im Staatsarchiv Basel-Stadt. Einmal entnommen aus ihren schlichten Mappen, entfalten sie in ihrer polychromen Vielschichtigkeit unmittelbar eine faszinierende ästhetische Wirkung. Beim Öffnen der Bücher offenbart sich eine überraschende Diskrepanz zwischen Innerem und Äusserem – und dies gleich auf mehreren Ebenen. Schon bei der ersten Berührung wird der materielle Unterschied deutlich: aussen das glatte, gar samtige Pergament, innen das rauere Papier. Eng damit zusammenhängend ist auch die ästhetische Wirkung. Die auf dem Papier aufgetragene, von ihm aufgesogene Tinte erscheint blasser, wohingegen sie auf dem Pergament eine satte, leuchtende Schicht bildet und trotz ihres höheren Alters frischer wirkt als die Tinte im Inneren der Bücher. Die dritte Diskrepanz ist inhaltlicher Natur und lässt sich erst beim Lesen entdecken: Während auf dem Pergamenteinband Noten und Gesänge zu finden sind, trifft der Leser im Inneren der Bücher auf Zahlen und Buchstaben, die einem ganz anderen Kontext zuzuordnen sind. Die Objekte wirken in ihrem vielschichtigen Erscheinungsbild, das sie im Laufe der Zeit erhielten, wie Repräsentanten, Zeugen von Geschichte, die sich in ihnen in Form von Schichten und Sedimenten materiell verkörpert und sie so zu «Geschichts-Bildern» (Matteo Nanni, S. 139) werden lässt. Ihre Geschichte ist eine Geschichte der Werteverschiebungen, die dazu geführt hat, dass die mittelalterlichen Choralhandschriften bis heute erhalten geblieben sind, wenn auch in stark veränderter und fragmentierter Form.

Die Suche nach ihrem Ursprungskontext führt uns ins Mittelalter zurück, als die Choralfragmente Bestandteile liturgischer Codices waren, die sich im Besitz der Klöster und anderer kirchlicher Institutionen Basels befanden. Diese oft grossformatigen Handschriften bestanden aus aufwendig hergestelltem, bereits damals wertvollem Pergament, das sorgfältig beschrieben wurde. Inhaltlich tradieren die Choralhandschriften des Mittelalters einen gemeinsamen Kernbestand an Gebeten und Gesängen, der sich mit der sogenannten karolingischen Reform im 8. und 9. Jahrhundert herauskristallisiert hatte und später individuell erweitert und ausgeschmückt wurde. Die Codices waren demnach «Träger und Garant für die korrekte Überlieferung und Ausführung eines religiösen Rituals» (Irene Holzer, S. 43). Sie waren mit ihrem sakralen Inhalt ein wichtiger Teil der Liturgie. Obwohl ihre oft aufwendige Illumination anderes vermuten lässt, so waren sie doch in erster Linie Gebrauchsgegenstände und nur in seltenen Fällen ausschliesslich repräsentativer Natur. Im Vordergrund stand ihre tägliche Nutzung im Gottesdienst der Nonnen, Mönche und Kleriker. Ihr ursprünglicher Status als Gebrauchsgegenstand manifestiert sich auch darin, dass die Gesangbücher nicht etwa in Bibliotheken, sondern in Sakristeien und Oratorien aufbewahrt wurden – unmittelbar bei der jeweiligen Kirche also, in der sie Verwendung fanden. Doch auch wenn der pragmatische Nutzungsgedanke für die Choralhandschriften des Mittelalters dominiert, darf letztlich nicht vergessen werden, dass ihr funktionaler Kontext ein sakraler war. Daher wurde bei der Herstellung der Codices – von der Pergamentgewinnung über das Mischen der Tinte bis hin zum Auftragen der Gesänge und Gebete – mit ungemeiner Sorgfalt vorgegangen. Aufgrund ihres liturgischen Werts, welcher sich als eine immaterielle Qualität beschreiben lässt (Matteo Nanni, S. 150), war es im zeitgenössischen Verständnis angemessen, die Codices mit kunstvollen Initialen und weiteren Illuminationen zu verzieren.

Den grössten Einschnitt in ihrer Geschichte erlebten die Choralhandschriften mit der Reformation, die in Basel 1529 ihren Höhepunkt erreichte und einen enormen gesellschaftlichen Umbruch mit sich brachte. Schon zuvor hatten Veränderungen in der Notationspraxis sowie der ab dem späten 15. Jahrhundert einsetzende Choraldruck alte Choralhandschriften obsolet werden lassen, und nun tat die Abschaffung der katholischen Liturgie im Zuge der Reformation ein Übriges – ein Grossteil der mittelalterlichen Handschriften verlor seinen inhaltlichen und funktionalen Wert. Gleichzeitig verloren die Gesangbücher ihren liturgischen Status und wurden zu profanen Gegenständen, die sich anderweitig verwenden und verwerten liessen. Das wertvolle Pergament der mittelalterlichen Buchseiten wurde den neuzeitlichen Buchbindern zum geschätzten Einbandmaterial. Denn Pergament ist nicht nur sehr robust und elastisch, sondern bei richtiger Lagerung auch überaus lange haltbar und aufgrund seiner besonderen haptischen Qualität zum Einbinden von Büchern gut geeignet. Die mittelalterlichen Choralhandschriften wurden von den Buchbindern zerteilt und ihre Blätter auf das einzubindende neuzeitliche Buch zugeschnitten. Dieser mit der Zerteilung und Wiederverwendung der Codices einhergehende Akt der Profanierung reduzierte die Choralfragmente auf den ersten Blick auf ihren reinen Materialwert. Doch aus umgekehrter historischer Perspektive betrachtet war es gerade dieser Akt, der die Choralhandschriften, wenn auch in fragmentierter Form, fortbestehen liess und ihrer Geschichte ein neues Kapitel hinzufügte.

Abb. 2: Archivalien mit Einbänden aus Musikalienfragmenten unterschiedlicher Choralhandschriften. Staatsarchiv Basel-Stadt, vorne links: Spitalarchiv F 4, 1692; vorne rechts: Domstift OO 2, 1629/30 (1. Bd.); Mitte links: Klosterarchiv Klingental GG 1, 1633/34 (1. Bd.); hinten v.l.n.r.: Almosen D6, 1592/93; Maria Magdalena LL 1, 1634; Klosterarchiv Klingental GG 1, 1660/61 (Foto: Daniel Spehr)

Die Bücher und Hefte, welche die neuzeitlichen Buchbinder mit Choralfragmenten einkleideten, waren nicht etwa religiösen oder liturgischen Inhalts, sondern es handelte sich um profane Gebrauchsbände, grösstenteils aus dem Verwaltungswesen. Zumeist waren es Urbare und Zinsbücher, die in unserem Fall vor allem aus den nachreformatorischen Klöstern Basels stammen. Diese sollten den (ehemaligen) Klöstern helfen, ihre Rechte gegenüber Pächtern oder Städtern zu wahren und ihre Güter klar zu umschreiben (Urbare) oder die Zinseingänge zu kontrollieren (Zinsbücher) (Hans-Jörg Gilomen, S. 53). Während ursprünglich die liturgische Funktion der späteren Choralfragmente deren Wert bestimmt hatte, war es nach der Reformation ihre Schutzfunktion für profane Urbare und Zinsbücher. Der kultisch-religiöse Wert der Choralhandschriften ging also zugunsten einer rationalen, weltlichen Bedeutung verloren (Dina Tamar Schneberger, S. 167). Die neue Nutzung als Einband jedoch schuf für die Choralfragmente gewissermassen eine Nische, in der sie in der nachreformatorischen, zunehmend säkularisierten Welt bestehen konnten.

Trotz der vermeintlichen Reduzierung auf ihren Materialwert darf keinesfalls angenommen werden, dass die Frühe Neuzeit lediglich den praktischen Nutzen der veralteten Pergamenthandschriften anerkannte. Die mit Choralfragmenten eingekleideten Bände aus dem Basler Staatsarchiv sind zwar gleichermassen Erzeugnisse wie auch Zeugnisse von Geschichte, doch finden sich in gewissen historischen Schichten auch Spuren bewusster, vielleicht sogar künstlerischer Gestaltung (Caroline Schärli, S. 64). Auch wenn an vielen Archivalien keine oder kaum gewollte Gestaltungsentscheide erkennbar sind, so wird trotzdem an zahlreichen Beispielen deutlich, dass den mittelalterlichen Choralhandschriften auch nach der Reformation noch Respekt entgegengebracht und bisweilen gar ihre ästhetische Wirkung geschätzt und bewusst eingesetzt wurde. Die Pergamentblätter für die Einbände der meist sehr sorgfältig und nach allen Regeln der Buchbinderkunst hergestellten neuen Bücher scheinen keineswegs immer willkürlich oder rein ökonomisch beschnitten, sondern oft wohlüberlegt auf den Buchdeckeln ausgerichtet worden zu sein. Häufig sind die neuzeitlichen Beschriftungen wenigstens insofern an den mittelalterlichen Einband angelehnt, als sie in kunstvoller Kalligraphie ausgeführt sind. Am faszinierendsten jedoch ist die Wirkung der prächtigen Initialen der Choralhandschriften, die in manchen Fällen als Buchschmuck auf dem Einband regelrecht in Szene gesetzt wurden – bisweilen unterstützt durch farbige Sprenkel auf dem Buchschnitt, die einen unmittelbaren Bezug zu den mittelalterlichen Initialen herstellen. Der Begriff «Buchschmuck» kann hier gar in einem doppelten Sinn verstanden werden, denn der dem Pergament inhärente mittelalterliche Buchschmuck – in Form von Initialen oder anderen Illuminationen – wurde zum äusseren Schmuck des neuzeitlichen Buches. Zugleich ist «eine materielle Untrennbarkeit und damit ein Kontinuum der historischen Schichten dieses doppelten Buchschmuckes» zu beobachten (Caroline Schärli, S. 62). Die Archivalien des Basler Staatsarchivs zeigen, dass die neuzeitlichen Buchbinder oft einen sehr bewussten Umgang mit dem mittelalterlichen Einbandmaterial pflegten. Der hohe ästhetische Wert der Choralhandschriften wurde schon damals erkannt und beim Einkleiden der neuzeitlichen Bücher – oft unter Rücksichtnahme auf die mittelalterliche Disposition – gezielt inszeniert.

Nachdem die Choralblätter mit ihrer Profanierung und buchbinderischen Wiederverwendung bereits einmal aus ihrem ursprünglichen Kontext verschoben worden waren, erfuhren sie mit der Archivierung der Bücher, als deren Einband sie fungierten, eine erneute Dekontextualisierung. Da die Zinsbücher und Urbare nach ihrem Abschluss meist nicht mehr aktiv genutzt wurden, fanden sie ihren dauerhaften Platz im Archiv. Dort wurden sie sorgsam verwahrt, um wenn nötig vor Gericht verwendet zu werden, etwa bei Fragen bezüglich von Besitzansprüchen. Fortan war es vor allem ihr inhaltlich-historischer Wert, ihr Wert als wichtige Informationsquelle, welcher sie auszeichnete. Der Fokus späterer wissenschaftlicher Beschäftigung mit den Objekten lag dann vor allem auf dem Inhalt – seitens der Geschichtswissenschaft auf demjenigen des Buchinhalts, seitens der Musikwissenschaft auf demjenigen des Einbands, also der Choralfragmente, die (wie die vollständigen mittelalterlichen Codices) Träger musikalischer Inhalte sind.

Die hier in den Fokus gestellten Archivalien zeigen deutlich, dass sich die Bewertung der Choralhandschriften nicht nur über die Zeit hinweg verändert und verschiebt, sondern dass ihr Wert darüber hinaus vom jeweiligen Betrachter und dessen Fragen an das Objekt abhängt. Interdisziplinäre Ansätze in der Erforschung der als Einbände profaner Bücher überlieferten Choralfragmente sind bisher rar. Das Buchprojekt «Ein Kleid aus Noten», das darüber hinaus das mit Noten bekleidete «Objektganze» der Bände des Basler Staatsarchivs in den Blick nimmt, soll einen Anstoss in diese Richtung geben. Ziel des Buches war nicht die blosse Dokumentation oder der Wissensgewinn für einzelne Disziplinen. Im Zentrum stand ein kulturwissenschaftlich-interdisziplinärer Ansatz, der es ermöglichte, die Objekte in ihrer Gesamtheit zu betrachten und somit die verschiedenen historischen Schichten und Werte erforschen zu können. Dieser Ansatz soll eine Brücke schlagen zwischen quellenorientiertem Arbeiten und kulturgeschichtlichem Denken (Matteo Nanni, S. 145). Eingeflossen ist neben dem rein philologischen Blick auf die Inhalte der Objekte ein hermeneutischer, der nicht nur den überlieferten Informationen, sondern auch den Informationsträgern selbst gilt. Zugrunde liegt die Vorstellung, dass sich die Zeit – oder eben Geschichte – nicht allein linear denken lässt, sondern sie sich auch in Schichten, in Sedimenten ablagert. Und dafür sind die besprochenen Archivalien bestes visuelles Zeugnis. Nur selten kommt eine derartige Verschmelzung von Bildern, Inhalten und Materialien aus verschiedensten Zeiten und mit unterschiedlichsten Werten in einem einzelnen Objekt so deutlich zum Ausdruck wie hier. Indem die als Bucheinbände fungierenden Choralhandschriften aus ihrem Archivschlaf erweckt wurden, erfuhren sie eine Betrachtung aus neuer Perspektive. Durch wissenschaftliche und essayistische Texte sowie bewusst inszenierte Fotografien, welche sich den Objekten aus unterschiedlichsten medialen wie inhaltlichen Blickwinkeln nähern, wurden die Objekte im Rahmen des Buchprojekts auf diverse Arten neu bewertet, wie es auch im Laufe ihrer Geschichte immer wieder geschah.

Abb. 3: Archivalien mit Einbänden aus Fragmenten des «grossformatigen Barfüsser-Antiphonars» aus dem 14. Jh. Staatsarchiv Basel-Stadt, Klosterarchiv St. Peter GGG, 1690/91, 1691/92, 1692/93; Spitalarchiv F 4, 1689, 1690, 1692, 1694 und 1695; Klosterarchiv Barfüsser K, 1688, 1689, 1690, 1691, 1692, 1693 (Foto: Daniel Spehr)