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Ein Blick auf die Ränder – Detektivarbeit bei der Bestimmung von Kleinbildfilmen

von Nana Badenberg

sph-Kontakte Nr. 103 | Februar 2017

Abb. 1 Ausschnitt einer Tabelle mit Beispielen für Randsignierungen aus der Diss. von Erwin Zbinden.

Bilder sind zuweilen mindestens ebenso schwer zu datieren wie Schriftstücke, und oft ist der Wunsch, einen fotografisch fixierten Augenblick auch raumzeitlich dingfest zu machen, sogar noch grösser als beim bereits ‹sprechenden› Text. Schätzungsweise fünfzig Millionen Fotos, wenn nicht mehr, lagern schweizweit in Archiven und Sammlungen; oft unzureichend erschlossen harrt das Material seiner Rekontextualisierung und damit der Nutzung und Auswertung. Oft ist der Erschliessungsgrad zudem entscheidend für die Aufnahme von Fotografien in eine Sammlung und damit für ihren langfristigen und systematischen Erhalt.

Die Fotografie ist mithin eines der Leitmedien des 20. Jahrhunderts, und auch wenn Zelluloseacetat oder Polyester als materielle Basis wenig mit den Faserstoffen des Papiers zu tun haben, lohnt ein Blick auf die Datierungsmöglichkeiten, die sich anhand der mit der Herstellungstechnik verbundenen Nutzerinformationen gewinnen lassen. Solche zu erkunden und auf ihre mögliche Verwendung zur Erstellung von Metadaten hin zu befragen, hat Erwin Zbinden in einer an der Historisch-Philosophischen Fakultät der Universität Basel vorgelegten Dissertation unternommen. Ausgelöst wurde seine fotografiegeschichtlich wie archivalisch interessante Fragestellung durch Filme und Fotografien des Umweltaktivisten Bruno Manser, die, im Regenwald entstanden, sich schlicht nicht datieren liessen. An den Randstreifen der Kleinbild-Farbnegativ- wie auch Diapositivfilme fanden sich hersteller- und produktspezifische Randsignaturen, die dank industrieller Serienfertigung dieser Produkte für einen (Erste-) Welt-Markt hinreichend homogen waren, zugleich aber gegenüber den Konkurrenten auf diesem Markt ausreichend heterogen. Hier hat Zbinden angesetzt und anhand bereits identifizierter und datierter Filmmuster aus der Zeit zwischen 1935 und 2009 zwanzig verschiedene Merkmale ausgemacht, die aufgrund ihres Vorkommens in unterschiedlichen Ausprägungen und Kombinationen eine Datierung des Filmmaterials erlauben. Zu diesen redundanten oder schwach redundanten Merkmalen (also solchen, die bei jeder Aufnahme oder auch nur mit einer gewissen Regelmässigkeit vorkommen) gehören: Positionierung und Ausrichtung der Ganz- wie auch Halbbildzählung, Zahl, Farbe und Form der Perforierung sowie weitere Markierungen und Zahlencodes. Insbesondere die 1984 eingeführten DX-Codes (Data Exchange System) auf den Farbnegativfilmen, die die Maschinenlesbarkeit der Filme für die automatisierte Entwicklung gewährleisten sollten, ermöglichen eine recht verlässliche Zuordnung.

Von den rund dreihundert Filmmustern – Farbdiapositivfilme und Farbnegativfilme –, die untersucht wurden, liessen sich auf diese Weise im Falle der Farbnegativfilme ganze 97% identifizieren und datieren (bei Diapositivfilme waren es nur 38% bzw. 58%), und so erlaubt die auf der Herstellung des Filmmaterials beruhende Analyse im Hinblick auf belichtete Filme Datierungsaussagen zumindest im Sinne eines «aufgenommen nicht vor». Zurückgreifen konnte Zbinden, was Musterreihen und Vorarbeiten anbelangt, unter anderem auf das Quellenwerk und die Filmmustersammlung von Gert Koshofer, auf Filme aus dem Basler Fotoarchiv Hoffmann und auf eine Datierungsliste der Kodak-Bibliothekare. Die aus der Untersuchung hervorgegangene anwendungsorientierte Datenbank erlaubt einen doppelten Zugriff: sowohl über bereits vorliegende Filmidentifikationen wie auch über eine Suchmaske für abzufragende Filmmuster, denen sich jeweils nur bestimmte Hinweise und diese in je anderer Verteilung entnehmen lassen.

Das Erfreulichste an dieser Dissertation ist, dass die Resultate für Archivare, Historiker und Bildforscher verfügbar gemacht wurden und die Datenbank im Netz via gängiger Webbrowser durchsucht werden kann. Zum Nutzen aller, denn je grösser das Sample der Filmmuster ist, desto genauere Aussagen lassen sich machen über die je spezifische Datierung eines Objekts wie auch über die Datierungsmöglichkeiten anhand der variierenden Signierungen. Die Historische Kleinbildfilm Datenbank findet sich im Netz unter www.bilderdienst.ch.

Erwin Zbinden: Identifizierung und Datierung von fotografischen Kleinbildfarbfilmen anhand von herstellerspezifischen Randmarkierungen, speziell in der ersten Welt. Diss. Phil. Basel 2015, Datenbank zur Filmbestimmung online unter: www.bilderdienst.ch