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Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum im Taschenformat: Ein frischer Museumsführer

von Nana Badenberg

sph-Kontakte Nr. 102 | Juni 2016

«Der Kurze ist da!» – mit diesem knappen Slogan und einigen pfiffigen Postkartenmotiven bewirbt das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig seinen jüngst erschienenen Museumsführer. Und in der Tat: 148 Seiten schlank und im praktischen Hochformat kommt die Klappenbroschur daher, die der Wallstein Verlag ins Programm genommen hat und die es den Museumsbesuchern nun endlich erlaubt, ein paar der gezeigten Objekte in Text und Bild erinnernd mit nach Hause zu nehmen.  Schliesslich ist genau diese memoriale Funktion die wichtigste und würdigste Aufgabe von Schrift und Buch.

Zur Erinnerung: Die Dauerausstellung des Buch- und Schriftmuseums ist 2012 in dem von der Stuttgarter Architektin Gabriele Glöckler entworfenen und selbst äusserlich der Buchform nachempfundenen Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek eröffnet worden (das Cover des Museumsführers greift diese Gestaltung auf). Hinter der Fassade aus Glas und Metall bietet die Ausstellung, wie Stephanie Jacobs in ihrem Prolog zu dem Begleitbüchlein betont, «das authentische historische Objekt», das dank seiner Aura, in der sich Herkunft und Vergangenheit einmalig ablagern, Geschichte erst stifte. Diese Objekte und das von ihnen Aug in Aug mit dem Museumsbesucher unmittelbar zur Anschauung gebrachte historische Bewusstsein will nun der Ausstellungsführer medial – und in eben dem Medium Buch fast schon selbstreflexiv – weitergeben. Das historische Bewusstwerden angesichts des realen Objekts müsste bei diesem Schritt in Wissen verwandelt werden, und dazu wiederum bedürfte es wohl einer Bewegung weg vom konkreten Objekt und hin zum allgemeinen Gehalt dieser Exempel. Das wäre allerdings viel verlangt für einen «Kurzführer», der dezidiert als solcher gedacht ist und dessen Aufgabe es ist, ein Begleiter zu sein beim – im Rückblick dann wiederholten – Gang durch die Ausstellung.

Der Untertitel «Ein Gang durch die Ausstellung» trifft hier das Tatsächliche ganz gut. Die einzelnen Kapitel des Museumsführers widmen sich den verschiedenen Ausstellungsbereichen: von den «Lauten, Zeichen, Schriften» über die «Handschriftenkultur» und den «Buchdruck» hin zu den «Lesewelten» mit ihren prekären Seiten wie der «Zensur», aber auch der «Industrialisierung» und der gestalterischen Opulenz angesichts der «Ästhetik des Buches». Jedes Kapitel hat eine ausklappbare Einstiegsseite mit Bild, einführendem Kurztext und einem griffigem Zitat, so etwa Lichtenbergs Loblied des Bleis im Setzkasten, das die Welt mehr verändert habe als das Gold, oder Schillers Diktum «Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken». (Intro und Zitat sind jeweils auch auf Englisch.) Danach folgen ausgewählte Objekte: vom Kerbholz bis zum Tiefseekabel, um an ihnen einzelne Aspekte unserer Schriftkultur, ihrer Entwicklung und Funktionen aufzuzeigen. Und das einzelne Objekte ist oftmals vielsagend: Dass Erich Maria Remarques Anti-Kriegs-Roman «Im Westen nichts Neues», als er 1930 in Braille-Schrift erschien, den «deutschen Kriegsblinden» gewidmet war, bedarf keines weiteren Kommentars. Die ­fingierten Impressen hingegen, mit denen jahrhundertelang unter dem Namen eines Peter Hammer v. a.

politisch brisante Themen an der Zensur vorbei verlegt wurden, sind die Erläuterungen ebenso wert wie die Tarnschriften, die in der Zeit des Nationalsozialismus nach Deutschland geschmuggelt wurden. Aber natürlich gibt es auch viele harmlosere und in ihrer Aussagekraft doch schlagende Beispiele: So lässt sich das Prinzip von Pixeln und Punktrastern an einem Kugel-Mosaik-Spiel trefflich erläutern, und die einfache hölzerne Krätze, mit der Kolporteure im 18. Jahrhundert hausieren gingen, bereichert unser Buchhandelswissen ganz konkret und anschaulich. Der Beschreibstoff Papier kommt im Museumsführer des «Deutschen Buch- und Schriftmuseums» naturgemäss etwas zu kurz, zumal man sich um den notwendigen Anschluss an die digitalen Welten bemüht, die «Massenmedien und Medienzukünfte» als gesondertes wichtiges Kapitel einbezieht. Hier geht es wohl auch darum, Fragen aufzuwerfen über die Zukunft von Buch und Schrift.

Wem «der Kurze» zu knapp ist, der kann sich übrigens dank der QR-Codes auf den Einstiegsseiten der jeweiligen Kapitel ins Netz der elektronischen Welt führen lassen. Er findet dort dann auf den entsprechenden Seiten der virtuellen Ausstellung (mediengeschichte.dnb.de; vgl. sph-Kontakte Nr. 99)

einige Bilder und Objektinfos mehr. Preis dieser medialen Zweigleisigkeit ist allerdings der Aufbau des Buches, der vom jeweiligen Objekt bzw. Bild ausgeht und dem Muster verlinkter Saaltexte folgt: Das Nebeneinander der Objekte mit den ihnen zugeordneten Legenden und Erläuterungen ersetzt den Spannungsbogen einer historischen Erzählung. Die Objekte sollte man sich gleichwohl nicht entgehen lassen.

Zeichen – Bücher – Netze: Von der Keilschrift zum Binärcode. Hrsg. von Stephanie Jacobs. Göttingen: Wallstein Verlag 2016, 148 S., br., € 9.90