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Eine «wiederentdeckte» polynesische Alphabetschrift?

Luc P. Tschudin, Boniswil; Peter F. Tschudin, Riehen

sph-Kontakte Nr. 101 | Oktober 2015

Zusammen mit vielen anderen Objekten zur Papier-, Schrift- und Druckgeschichte gelangte auch ein Stück Tapa in die Basler Papiermühle, das eigentlich zu Schlagzeilen in der Fachwelt hätte Anlass geben können. Es handelte sich nämlich um nichts weniger als um einen Beleg für die Existenz einer angeblichen polynesischen Alphabetschrift! (Abb. 1)So zumindest der Bericht des Gewährsmanns.

Das Tapa-Stück wurde 2013 in Taioha’e auf Nuku Hiva (Marquesas) auf dem Markt mit Kunsthandwerk gekauft; hergestellt wurde es auf Fatu Hiva. Es besteht aus Banyan-Rindenbast (Aoa; Ficus bengalensis) und soll angeblich das alte Marquesas-Alphabet darstellen.

Das dunkelbraune Tapa-Stück ist etwas steif und kartonähnlich; es scheint nach einem der Fidji-Tradition nachempfundenen Verfahren hergestellt worden zu sein, wobei ein Pressen zwischen Rollen das Streifenklopfen abschliesst. Ein direkter Bezug zur in früheren Zeiten ausgeübten einheimischen Tapa-Technik ist nicht auszumachen.

Abb 1: Tapa mit Marquesas-«Alphabet»

Aber wie konnte das Alphabet so lange unentdeckt bleiben? Bis vor wenigen Jahrzehnten ­fanden nur wenige Reisende zu den weit abgelegenen Marquesas-Inseln. Der Verkauf von Kunsthandwerk an diese bildet für die Einwohner eine willkommene zusätzliche Verdienstmöglichkeit; vor allem aus Holz und Stein stellen sie herausragende Objekte nach traditionellen Vorbildern her. Dazu gehören auch Malereien auf Tapa. Nun sind seit den Achtziger Jahren durch den Flugverkehr nicht nur die Distanzen bildlich kleiner geworden und es kommen vermehrt Touristen, es hat auf den Gesellschafts- und den Marquesas-Inseln auch ein ‚Revival’ der über Jahrhunderte auf Druck der Missionare verbotenen Tätowierungen gegeben. Tattoos, eigentlich ‚Tatau’ – ein polynesisches Wort, das Eingang in die Weltsprachen gefunden hat –, waren früher auch auf den Marquesas-Inseln zur Darstellung von Status und Genealogie sehr wichtig. Im Rahmen dieses ‚Revivals’ fanden die lokalen Tätowierer auch die traditionellen Muster wieder, und zwar offensichtlich in einem deutschen völkerkundlichen Werk aus dem frühen 20. Jahrhundert über die Kultur der ­Marquesas-Inseln, aus welchem wohl im Museum in Papeete auch eine Seite mit einer Tabellen-Zusammen­stellung der ­marquesanischen Etua-(Tätowierungs-)Zeichen herauskopiert und dann von Hand zu Hand weitergegeben worden ist (Abb. 2). Da unter den einzelnen Zeichen als Verweise auf die jeweilige Bildlegende die europäischen Alphabetbuchstaben angebracht waren, muss ein Einheimischer – der wohl nur einzelne Seiten mit den Hauptzeichen und sicher keine Deutschkenntnisse besass – die Alphabetbuchstaben als Umschrift der darüberstehenden Tattoo-Zeichen gedeutet haben. Und prompt übernahm er die Abbildung als Vorlage für das auf einheimisches Tapa gemalte «marquesanische» Alphabet.

Damit war die Legende vom alten Marquesas-Alphabet geboren!

Abb. 2: Karl von den Steinen: «Die Marquesaner und ihre Kunst», Band 1, Berlin 1925, S. 153, Abb. 100.