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Über den Geruch und das Riechen der Bücher

von Gerhard Becker, Antiquariat von Matt, Stans

sph-Kontakte Nr. 100 | März 2015

Kann man Bücher am Geruch erkennen? Eine Wetten-Dass-Frage, deren Beantwortung dem mit seinen Wortschätzen vertrauten Sammler oder einem altgedienten Bibliothekar vorbehalten bleibt.

Als ich vor Jahren mit dem ehemaligen Stiftsbibliothekar von Engelberg, P. Sigisbert Beck, zusammenarbeiten durfte, fiel mir auf, wie er die Handschriften aus der Schreiberschule des Abts Frowin mit feingliedrigen Fingern aufnahm und nahe ans Gesicht führte. Ob er wohl den Duft des Mittelalters einatmete, oder war es doch eher dem nachlassenden Augenlicht geschuldet? Ich habe ihn leider nie gefragt.

In meiner über 25-jährigen Tätigkeit als Antiquar im traditionsreichen Antiquariat von Matt in Stans ist mir der Umgang mit zahllosen Büchern und Manuskripten unter die Haut gewachsen. Nebst der wichtigen Beschäftigung mit dem Inhalt der Schriften, wurde die haptische Begegnung mit unterschiedlichen Trägermaterialien zum Tageswerk: vom Pergament zum Papier, von den Leinwand- und Ledereinbänden bis zum Karton, vom Metall der Schliessen, vom Staub und Wurmmehl, von Pflanzen­resten bis zu manchmal unbestimmten und unappetitlichen Spuren gelebter Besitzervergangenheit. Und wie bei jeder ein- bzw. vielseitigen Beschäftigung mit Büchern entwickelt sich in den Lebensgezeiten eines Antiquars auch die Fähigkeit, das Erworbene anhand riechkolbenorientierter Zuweisung an ein Erlebnis, eine Begegnung zu identifizieren.

So bleibt mir der Nachlass eines St. Galler Professors, Spezialist für Mittelalterkunde, in unerschütterlicher Erinnerung. Seine mehrtausendbändige Arbeitsbibliothek wanderte nach dem Ende des irdischen Lebens ins Antiquariat. Lange Tage im Gespräch mit der verwitweten Gemahlin, die der Lebensaufgabe ihres verblichenen Gatten keine hinreichende Aufmerksamkeit mehr schenken wollte, endeten stets mit der Zubereitung eines der Lieblingsgerichte des Professors: «Er liebte Kohlgerichte in allen Varianten.» Und so hielten die Kohlschwaden im Gang der Jahrzehnte auch in die Papierfasern seiner Bücher Einzug, unverkennbar und unauslüftbar. Da es selten geschieht, dass man alle Bücher und Materialien einer so umfangreichen Privatsammlung vollständig verkauft, entdecke oder genauer: er-rieche ich noch heute beim Streifzug durch unser 300000 Bände umfassendes Lager den einen oder anderen Titel, der eine Kohlvergangenheit hat.

Deutlich erinnere ich mich ebenfalls an die riesige Bücherflut des Pfarrers und Schriftstellers Josef Konrad Scheuber von Attinghausen. Seine «Trotzli-Bücher» sind heute noch gesucht, wenn wahrscheinlich auch nicht mehr so sehr gelesen. Ich hatte mitunter den Eindruck, Weihrauch zu riechen, wenngleich dies wohl auf unbewusste Einbildung seiner Berufung zurückzuführen ist. Aber auch der Geruch modernder, feuchter Papierstapel im gewaltigen Heer des Gedruckten und Geschriebenen hinterliess einen nachhaltigen, teils ungesunden Eindruck. Wann immer ich heute ein Buch aus dieser Ansammlung in die Hände bekomme, Scheubers unverwechselbares Exlibris im Innendeckel sehe, sind der von Feuchtigkeit getriebene Stockfleck, einhergehend mit dem muffigen Geruch, wohlvertraute Begleiter. Wie die getrockneten Minzeblätter des tee­liebenden Asienmissionars, die mir hin und wieder aus seiner Bücherhinterlassenschaft entgegenwehen.

Das sind sie, die Wiedererkennungswerte, die die Wertschätzung auslösen, um dem Antiquar so manche Geschichten über das Leben der Bücher zu erzählen. Es sind diese Sinneseindrücke, die das «wirkliche Buch» vom E-Book unterscheiden. Ich will sie nicht missen.