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70 Jahre «Operation Bernhard» – Die grösste Banknoten-Fälschungsaktion aller Zeiten

von Martin Fürbach

sph-Kontakte Nr. 100 | März 2015

Abb. 1: Wasserzeichen mit dem Text «Bank of England» und dem Wasserzeichen-Code einer «weissen» Pfundnote.

Dieser Artikel befasst sich mit der Fälschung von Britischen Banknoten durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Im ersten, hier vorliegenden Teil wird der historische Kontext geschildert, während in der nächsten Ausgabe auf einige interessante Aspekte der Analyse von Fälschungen, insbesondere auf Papier und Wasserzeichen eingegangen wird. Eine umfassende, mit Quellenangaben und Literaturverweisen versehende Version dieses Aufsatzes in Englisch kann hier abgerufen werden.

Seit es Münzen und Banknoten gibt, gibt es auch Fälschungen. Im Laufe der Geschichte treffen wir immer wieder auf Fälle, bei denen die Motivation für die Geldfälscherei weniger der ökonomische Vorteil für die Fälscher war, sondern mehr noch der Ruin einer fremden Volkswirtschaft. Mit diesem Ziel beschloss das Nazi-Regime in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs, das britische Pfund zu fälschen. Die Idee war einfach: Grosse Mengen an Banknoten sollten von Flugzeugen abgeworfen, die englische Wirtschaft von Fälschungen überflutet  und so durch Überinflation zum Erliegen gebracht werden. Unter den Decknamen Operation Andreas und Operation Bernhard wurden Vorbereitungen für Fälschungen von höchster Qualität getroffen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass auch England – ebenso wie die USA – während des Zweiten Weltkriegs in Erwägung zog, die Reichsmark zu fälschen, auch wenn diese Pläne wieder verworfen wurden.

Die Bank of England gab in den 1930er Jahren zwei Arten von Banknoten heraus: moderne «farbige», die wie in vielen Ländern der Welt in verschiedenen Drucktechniken, mit farbigen Mustern und speziellen Sicherheitsmerkmalen versehen waren, aber auch «weisse», deren Aussehen seit dem 19. Jahrhundert nahezu unverändert geblieben war. Die weissen Pfundnoten wurden im Buchdruck mit schwarzer Farbe bedruckt, das Papier war handgeschöpft und wies ein Wasserzeichen auf (Abb. 1). Sie wurden in der Druckerei der Bank of England hergestellt, mit Papier von Portals (heute ist die Firma Teil von De La Rue, einer der grössten, privaten Banknoten-Druckereien und Herstellerin von Sicherheitspapieren). Die Druckerschwärze wurde aus Deutschland importiert, das in der Produktion von schwarzer Druckfarbe damals führend war. Auf diese «weissen» Pfundnoten konzentrierten sich die Fälschungsaktionen.

Die Operation Andreas

Mit der Durchführung der Fälschungsaktion wurde Alfred Naujocks betraut, der Chef der Gruppe Technik des Reichssicherheitshauptamtes, die dazu Räumlichkeiten an der Delbrückstrasse in Berlin bezog. (Naujocks ging zuvor aufgrund seiner Beteiligung am Angriff auf die Radiostation Gleiwitz in die Geschichte ein, jenem von den Nazis als Vorwand für die Invasion in Polen inszenierten Überfall, als der «Mann, der den Zweiten Weltkrieg begann».) Die Fälschungsaktion war mit einem Budget von etwa 2 Mio. Reichsmark ausgestattet (was heute ungefähr 10 Mio. Schweizerfranken entsprechen würde). Die erste und grösste Herausforderung für die Fälscher war die Produktion des Papieres für die Blüten, die am meisten Zeit in Anspruch nahm. Zuerst wurde das Papier echter Pfund-Noten an deutschen Universitäten mithilfe etwa zwölf ­verschiedener physikalischer, optischer und chemischer Tests analysiert.

Abb. 2: Papierfabrik Spechthausen – letztlich ist es nicht gesichert, wie hier das Papier produziert wurde. Die Mehrheit der Quellen spricht von einer Papiermaschine für das Falschgeldpapier. (Foto: Burger)

Den Grossteil des Papiers produzierte schliesslich die Papiermühle in Spechthausen, einem Ortsteil von Eberswalde (Abb. 2); die Hahnemühle bei Dassel (Abb. 3) stellte einen weiteren, kleineren Teil her. Aufgrund der grossen Menge an Blüten, die innerhalb kurzer Zeit hergestellt werden sollten, soll auch Maschinenpapier verwendet worden sein, doch fehlen genauere Angaben in der Literatur. Ebenso ist unklar, auf welchen Wegen die Deutschen herausgefunden haben, dass das echte Notenpapier aus türkischen Rohstoffen hergestellt wurde. Aber die Kenntnis darüber veranlasste sie, die Hadern von derselben Quelle zu beziehen.

Das Gravieren der kupfernen Druckstöcke und das Abformen der Galvanos, insbesondere die Darstellung der Britannica links oben (Abb. 6), beanspruchte mehr als ein halbes Jahr. Mithilfe des Mathematikers und Kryptographen Langer konnte auch das Nummerierungssystem der echten Noten geknackt werden. Trotz des erzielten Fortschritts sollte die Produktion unter Naujocks’ Aufsicht keinen Erfolg haben, was das Ende der Operation Andreas bedeutete. Naujocks wurde degradiert. Zum Schluss waren 200 000 Zehn-Pfund-Noten gedruckt worden.

Abb. 3: Papierfabrik Hahnemühle. (Foto: Burger)

Die Operation Bernhard

Etwa im Juli 1942 wurde das Fälschen der Pfund-Noten an Bernhard Krüger übertragen, einen SS-Offizier der technischen Abteilung VI F4. Aufgrund seiner Herkunft aus der Textilindustrie arbeitete er für die SS bereits in verschiedenen Projekten, die mit geheimdienstlicher Fälscherei in Zusammenhang standen. Er verwarf das Papier aus Spechthausen und verwendete fortan nur noch Papier von der Hahnemühle. Sehr wahrscheinlich bestand es zu 90% aus Baumwolle und zu 10% aus Leinen. Andere Quellen sprechen von reiner Baumwolle oder einer Mischung mit Ramiefasern.

Einigen Berichten zufolge wurde in der Hahnemühle das Papier für das englische Pfund auf der Maschine produziert, nach Angaben des ehemaligen Direktors der Hahnemühle, Herrn Bartsch, sei es jedoch Handpapier. Entwickelt wurde das Papier im Jahr 1942, mit einer Grammatur von 40 g/m2. Je 110 Bogen wurden gepresst und als Riess zu 500 Bogen gelagert. Aus einem Bogen konnten acht Pfund-Noten geschnitten werden. Man liess das Papier einige Wochen altern und sortierte es schliesslich nach Qualitäten. Zwischen 1943 und 1945 wurden so rund 1 461 000 Bogen produziert. Abbildung 6 zeigt das komplexe Wasserzeichen im Durchlicht. In der Mitte, unterhalb des Nennwerts, ist ein Code bestehend aus einem Buchstaben und vier Ziffern zu erkennen (Abb. 1). Die Bedeutung des Buchstabens ist unbekannt, die vier Ziffern hingegen enthalten die Informationen zum Datum: Die ersten beiden Zahlen stehen für die Produktionswoche, die dritte und vierte Zahl geben zusammen das Herstellungsjahr an.

Abb. 4: KZ Sachenhausen.

Für die Operation begann Bernhard Krüger im Laufe des Juli 1942 Arbeiter zu suchen. Dazu wurden in Konzentrationslagern Häftlinge mit handwerklichem Geschick und Fachkenntnissen in Druck oder Fotografie ausgewählt und ins KZ Sachsenhausen verlegt. Das Projekt war streng geheim. Die zwei Gebäude Block 18 und 19, in denen die Druckerei untergebracht war, unterlagen höchsten Sicherheitsmassnahmen. Die Anzahl der Häftlinge, die in der Fälschung arbeiteten, stieg von anfänglich wenigen Dutzend bis auf 144 an. Diese Gefangenen kamen nicht in Kontakt mit anderen Lagerinsassen. Sogar der Direktor des KZs Sachsenhausen wusste nicht, was in den beiden Gebäuden vor sich ging. Die Geldfälscher wurden, was Essen und Freizeit anging, besser behandelt. Sie hatten die Möglichkeit, Radio zu hören, und später wurde als Geschenk für erfolgreiches Fälschen ein Ping-Pong-Tisch aufgestellt.

Die Druckplatten wurden hingegen in dem nahe Sachsenhausen gelegenen Schloss Friedenthal von Arbeitern der technischen Abteilung hergestellt. Inwieweit auch Häftlinge bei diesen Arbeiten, zum Beispiel bei der Korrektur der Platten, beteiligt waren, ist ungewiss. Deren Hauptaufgabe war zweifellos das Drucken. Dazu wurden die Bogen in zwei Hälften geteilt. Die Halbbogen, auf denen je vier Banknoten Platz fanden, wurden in zwei Arbeitsschritten bedruckt. Im ersten Druckgang erfolgte die Zeichnung, im zweiten die Nummerierung. Der Büttenrand der echten Banknoten wurde imitiert, indem die Blätter mit Hilfe eines Lineals von Hand gerissen wurden. Um den Blüten das Aussehen von gebrauchten Scheinen zu geben, wurden sie zunächst gefaltet und eingepackt und dann mit Falten und Reissen bearbeitet. Da man damals in England die Banknoten wegen ihrer Grösse oft faltete und mit einer Sicherheitsnadel zusammenhielt, wurden auch die Blüten perforiert. Andere Quellen vermuten, dass die Löcher gestanzt worden seien, um Druckfehler zu verstecken. Adolf Burger, einem der beteiligten Häftlinge, zufolge wurden die meisten Noten im Bereich der Britannica gelocht, um sie als Blüten zu kennzeichnen.

Abb. 5: Schloss Labers in Meran, Südtirol.

Zuletzt wurden die Blüten in einer Sichtkontrolle bei Auf- und Durchlicht auf Details des Drucks und des Wasserzeichens hin untersucht und in vier oder fünf Qualitätsklassen sortiert: Mit der besten Qualität bezahlte man Spione und Kriegsmaterial, Scheine mittlerer Qualität wurden zurückbehalten, um sie später für eine «Inflations-Flut» aus Flugzeugen abzuwerfen. Die Noten geringster Qualität wurden in der Hahnemühle rezykliert.

Abb. 6:  Englische Pfundnote in Auf- und Durchlicht.

Bei allen Fälschungsaktionen ist nicht die Herstellung der heikelste Punkt, sondern die Verteilung. Millionen von Blüten unbemerkt in Umlauf zu bringen, ist nicht leicht. Normalerweise können durch die Überwachung von Kriminellen, die Blüten in Umlauf bringen, Produktionsstätten früher oder später ausfindig gemacht werden. Bei der Operation Bernhard war dies nicht der Fall. Während die Noten in Sachsen­hausen gedruckt wurden, organisierte Friedrich Schwend die Streuung im tausend Kilometer entfernten Schloss Labers in Meran in Südtirol (Abb. 5).

Von hier aus gelangten Falschnoten in die ganze Welt. Das Verteilernetz umfasste Hoteliers, Bankiers und Geschäftsleute. Viele Blüten zirkulierten auch in der Schweiz. Dies führte dazu, dass Schweizer Banken Ende 1942 vor Falschgeld warnten und im Mai 1944 keine Pfundnoten mehr akzeptierten. Mit spekulativen Transaktionen wie dem Ankauf von Gold, italienischen Lire oder anderen Währungen oder Waren wurden die Blüten «gewaschen» (und deren Wert vervielfacht). Nach dem Krieg entdeckte man Fälschungen in ganz Europa und auch in Südamerika.

Die gefälschten Banknoten dienten wiederholt der anonymen Beschaffung geheimer Informationen und von Kriegsgütern – in mindestens zwei Fällen auch von grösserer Tragweite. Sie dienten dem Kauf Dutzender Fotografien streng geheimer britischer Akten von dem Kammerdiener des britischen Botschafters in Ankara, Elyesa Bazna (bekannt unter dem Decknamen Cicero). Er wurde mit 300 000 gefälschten Pfund bezahlt. Die Geschichte um Agent Cicero wurde später Gegenstand von Büchern und Filmen. Auch bei der Rettung Mussolinis aus dem Gran Sasso-Gebiet wurden Informanten mit gefälschten Pfunden bezahlt und Auslagen beglichen, die im Zusammenhang mit der Befreiung standen.

Als die hohen Mengen grosser Noten Verdacht aufkommen liessen, konzentrierte man sich auf die Fälschung von Banknoten mit tieferem Nennwert, nämlich Fünf-Pfund-Noten. Sie machten rund die Hälfte der gesamten Produktion aus. Zunehmend mussten die Deutschen realisierten, dass es auch trotz eines gut ausgebauten Netzwerks schwieriger wurde, Blüten in Umlauf zu bringen. Zudem stellte die Türkei nun die Hadernlieferungen für die deutsche Papierproduktion ein. Die zur Verfügung stehenden alternativen Rohstoffe für Papiere derselben Qualität wurden für nicht gut genug befunden. Deshalb verlegte man sich darauf, Dollars zu fälschen, und zwar mit Hilfe von Salomon Smolianoff, dem einzigen im Team, der schon vor dem Krieg – und auch noch danach – professionell Banknoten fälschte. Die Herstellung von Tiefdruckplatten, wie sie zum Drucken von echten Dollars Verwendung fanden, war zu schwierig und zu zeitintensiv. So entschied man sich, die Dollar-Noten mittels Lichtdruck zu kopieren. Dennoch kam die Dollar-Produktion in Verzug. Bis Kriegsende wurden bloss wenige hundert Noten gedruckt. Die Fälscheraktivitäten in Sachsenhausen waren allerdings nicht auf Banknoten beschränkt.  Alle Arten von Dokumenten wurden gefälscht, so auch das Briefpapier des Roten Kreuzes, Reisepässe, Geburtsscheine, Briefmarken und anderes.

Als die US-amerikanischen und russischen Streitkräfte vorrückten, beschlossen die Nazis, die Druckerei an einen sichereren Standort zu verlegen, nämlich nach Redl-Zipf in Österreich. Die unterirdische militärische Anlage mit Dutzenden Kilometer langen Tunneln wurde für den Bau der V-2 Rakete verwendet. Die involvierten Häftlinge sollten in den letzten Tagen des Krieges in das Konzentrationslager Ebensee gebracht werden, wo man vorhatte, sie umzubringen. Nur dank des Chaos der letzten Kriegstage und des komplizierten und nur teilweise ausgeführten Transports überlebten sie. Ferner musste das Falschgeld beseitigt werden. Blüten von schlechter Qualität wurden verbrannt. Fälschungen von besserer ­Qualität wurden in Flüsse vor Ort geworfen. Vor allem aber im Toplitzsee versanken Millionen von falschen Pfundnoten in Holzkisten verpackt im See.

Die Menge des hergestellten Falschgeldes scheint gut dokumentiert zu sein. Die Anzahl der Noten aller Nominalwerte (5, 10, 20 und 50 Pfund) und aller Qualitäten liegt bei 8 965 085 Stück und der Gesamtwert bei 132 610 945 Pfund. Im Laufe des Produktionszeitraums wurden 671 622 Blüten mit einem Gesamtwert von 10 368 445 Pfund an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin geliefert. Wie gross der Anteil der Noten ist, der schliesslich in Umlauf gelangte, ist nicht bekannt. Verschiedene Quellen besagen, dass bei Kriegsende Noten im Wert von mehreren Millionen Pfund verbrannt wurden. Ungefähr weitere 21 Mio. Pfund wurden in den Tagen nach Kriegsende vorgefunden. In einigen Quellen wird fälschlicherweise behauptet, dass die Anzahl der Blüten, wenn sie alle in Umlauf gebracht worden wären, bis zu 40% der echten Noten ausgemacht hätte. Auf der anderen Seite scheint die Schätzung, dass ein Gegenwert von zehn Millionen Pfund Sachsenhausen verlassen habe, zu tief, denn allein Noten im Wert von fünf Millionen wurden beispielsweise in der Orgel der Kirche St. Valentin in Meran gefunden. Möglicherweise gab es andere, ähnliche Verstecke – oder es gibt sie noch immer.

Aufklärungsbemühungen nach dem Krieg

Nicht nur die Bank of England war interessiert, das Ausmass der Banknotenfälschungen in Erfahrung zu bringen; zusammen mit Scotland Yard stellte sie nach Kriegsende umfassende Nachforschungen an. Daraus entstand der sogenannte Reeves Report, der heute als eine der vollständigsten Quellen angesehen wird. Die Versuche, auch US-Dollar zu fälschen, veranlassten Captain McNally vom United States Secret Service zu eigenen Untersuchungen.  Und wenige Tage nach Kriegsende besuchte Adolf Burger die Nationalbank in Prag und informierte diese über seine Beteiligung. Daraufhin ermittelte die tschechi­sche Polizei, ob weiterhin Falschgeld verwendet wurde oder ob befreite Häftlinge aus Sachsen­hausen gar eine Nachfolgeproduktion betrieben. Auch André Amstein, ein Schweizer Polizeioffizier, verfasste einen umfassenden Bericht. Es scheint, dass der Wirtschafts­journalist Murray Teigh Bloom während der 1950er Jahre in diesen Bericht Einsicht hatte, denn er enthüllte darin enthaltene, vertrauliche Informationen.

Das Magazin Der Stern erhielt 1959 die Erlaubnis, im Toplitzsee zu tauchen. Dabei stiessen Taucher auf riesige Mengen Banknoten. Bei weiteren «unabhängigen» und illegalen Suchen kamen weitere Funde zum Vorschein, bis die österreichischen Behörden den See 1963 schliesslich «säubern» liessen. Doch nicht nur wegen der Banknoten und des Gerüchts vom versenkten Nazi-Gold ist der Toplitzsee bis heute ein Anziehungspunkt für Taucher. Der See verfügt wegen des Salzwassers und des Schwefelwasser­stoffes über ein einzigartiges Ökosystem und ist daher auch für Biologen interessant.

Fehlende Informationen

Trotz der verschiedenen, umfänglichen Recherchen und Berichte fehlen noch immer genauere Informationen zu den Vorgängen von damals. Das mag mehrere Gründe haben:

  1. Das Fälschen von Banknoten wird allgemein streng vertraulich behandelt. Keine der betroffenen Institutionen hat ein Interesse daran, diesbezügliche Informationen preiszugeben, da diese künftigen Fälschern nützlich sein könnten. Trotzdem bietet dieses Thema Boden für Verschwörungstheorien, insbesondere da von wichtigen Berichten der Nachkriegszeit keine Spuren mehr zu finden sind: Interpol bestätigt den Bericht von Amstein nicht, und die Bank of England behauptet, in den Archiven keine Spuren des Reeves Reports zu finden.
  2. Wenn Akten nicht vorliegen, muss das nicht heissen, dass sie in den Archiven unter Verschluss gehalten werden oder geheim sind. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass viele Dokumente und Beweismaterial verloren gegangen sind oder unterdessen zerstört wurden. Burger berichtet über das Verbrennen von Blüten anfangs Mai 1945. Und es ist gut möglich, dass in den letzten, hektischen Kriegstagen auch an anderen Orten ähnliche Zerstörungsaktionen stattfanden. Auch könnten weitere Gegenstände noch unentdeckt auf dem Grund des Toplitz- oder eines benachbarten Sees liegen.
  3. Informationen und Beweisstücke könnten von der US-amerikanischen oder der sowjetischen Armee beschlagnahmt und unter Verschluss gehalten worden sein. Im Fall von technischen Informationen und Dutzenden von Foto­grafien, die im Zusammenhang mit der Herstellung des Wasserzeichens bzw. der Druckplatten stehen, war dies der Fall. Sie blieben in den FBI-­Archiven bis ins Jahr 2000 unter Verschluss. Denkbar ist auch, dass sie von Historikern schlicht nicht entdeckt wurden, weil sie weit von ihrem Ursprungsort entfernt sind.
  4. Fälschungen fanden in geheimdienstlichen Operationen Verwendung, die die Staatssicherheit oder Staatsgeheimnisse tangierten. Von denjenigen, die von den gefälschten Noten profitieren konnten, sei hier als ein Beispiel Alan Dulles genannt. Er arbeitete während des ­Zweiten Weltkriegs in Bern für das Office of S­trategic ­Services; später wurde er Direktor des CIA. Erst im Jahr 2007 gab der CIA offiziell Akten zum Fälschen von Banknoten und Verteilen der Blüten während des Zweiten Weltkriegs frei.
  5. Nach dem Krieg fanden ähnliche Fälschungsaktionen statt.
  6. Aufgrund der Tatsache, dass die Haupttäter nicht bestraft wurden, «änderten» Staaten des Ostens die Geschichte und verwendeten die Operation Bernhard für propagandistische Zwecke.
  7. Das Ausmass der Fälschungen schadete dem Ansehen der Bank of England und bedrohte die wirtschaftliche Stabilität sowie das Vertrauen in die Währung. Aus diesem Grund wurde das Ausmass der Operation Bernhard heruntergespielt. Die britischen Behörden zogen es vor, nicht darüber zu sprechen, und wechselten die Bank­noten aus. Gewisse Informationen aus dem Archiv des MI5 wurden erst im Jahr 2012 zugänglich gemacht. Diesen freigegebenen Dokumenten ist zu entnehmen, dass die Bank of England andere Länder nur in beschränktem Masse informierte, während die Briten von Informationen ausländischer Banken wie auch der ausländischen Polizei profitieren konnten.
  8. England ist eines der wenigen Länder, in denen alle Banknoten, die jemals herausgegeben wurden, gesetzliches Zahlungsmittel bleiben. Es ist also immer noch möglich, eine zurückgezogene (echte) «Weisse Pfund»-Note gegen eine gültige neue Pfundnote einzutauschen (auch wenn die Bank nur den Nennwert vergütet, während der Sammlerwert bis zu hundertmal höher sein kann). Die Bank of England hat also ein Interesse daran, Informationen geheim zu halten, die helfen könnten, eine fragliche Note als echt oder gefälscht zu bestimmen.

Abb. 7: Adolf Burger 2008 während eines Interviews, mit einer «seiner» Fälschungen in der Hand.

Es gibt viele Bücher und Artikel, die sich mit der Operation Bernhard beschäftigen. Das umfassendste Buch, was die Herstellung der Fälschungen angeht, stammt von dem amerikanischen Journalisten Lawrence Malkin. Shraga Elam, ein Enthüllungsjournalist aus der Schweiz, legte den Schwerpunkt auf die Aspekte, wie die Blüten in Umlauf gebracht und gewaschen wurden. Bereits wenige Monate nach seiner Freilassung publizierte Adolf Burger (Abb. 7) als erster einen Bericht über die Banknotenfälschungen. Später folgten ihm andere Häftlinge. Dennoch fand die Operation Bernhard erst in dem Augenblick grössere Aufmerksamkeit in den Medien, als die Reporter des Stern 1959 im Toplitzsee nach Banknoten suchten. Burgers Memoiren halfen wiederum, den Film Die Fälscher zu realisieren, der 2008 mit einem Oskar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde.

Das Fälschen des Britischen Pfunds während der Operation Bernhard ist also bis heute ein spannendes Thema. Nicht nur für Historiker, sondern auch für Tausende von Besuchern des Restaurants Fischerhütte am Toplitzsee, das von Albrecht Syen geführt wird. Er, der das Geschehen seit den Anfängen der Suche im Toplitzsee verfolgt, besitzt eine unglaubliche Sammlung an Gegenständen und Fotografien, die er an den Wänden seiner Gaststätte ausstellt. Dies zeigt, dass Informationen, die in Archiven kaum auffindbar sind, in einem Lokal oder im Gespräch mit Menschen vor Ort gefunden werden können. Leider ist es zu spät, um kürzlich freigegebenes Archivmaterial im Gespräch mit Menschen zu überprüfen, die an der Operation beteiligt waren. 70 Jahre sind eine lange Zeit, und von den 144 involvierten Häftlingen sind nur noch drei am Leben.

Literatur

Burger, Adolf: Teufels Werkstatt. Die Geldfälscherwerkstatt im KZ Sachsenhausen. Teetz 2004.

Byatt, Derrick: Promises to pay. London 1994.

Elam, Shraga: Hitlers Fälscher. Wien 2000.

Malkin, Lawrence: Hitlers Geldfälscher – Wie die Nazis planten, das internationale Währungssystem auszuhebeln. Köln 2006.

McNally, George J.: Report, January 24th 1946, http://www.lawrencemalkin.com/kruegers-men-the-secret-documents-4-1-1.html (Stand 17. Februar 2014)