Artikel als PDF herunterladen

Vom Abendpurpur und Zottelrot – Ein fünfbändiges Lexikon versammelt die bunte Pracht deutscher Farbbezeichnungen

von Nana Badenberg

sph-Kontakte Nr. 99 | August 2014

«Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden» – mit diesem Diktum bestimmte Goethe ein Phänomen, das uns so schwer zu fassen scheint, weil es sich ebenso auf physikalische Eigenschaften wie auf sinnliche Wahrnehmungen bezieht. Farben lassen uns (Licht vorausgesetzt) die Welt bunt erscheinen, sie sind dabei ein trügerisches, veränderliches Konstrukt der menschlichen Wahrnehmung, und als solches lassen sie sich durch die Verwendung materieller, lichtbrechender Substanzen (Pigmente, Farbstoffe) erzwingen. Kein Wunder also, dass die Begriffe vielfältig sind, mit denen wir die Nuancen dessen, was wir je anders sehen, beschreiben. Die meisten haben sich wohl schon einmal gefragt, welcher Farbton mit Altrosa, Rosé oder Fliederfarben jeweils genau gemeint ist; auch wenn diese Zweifel recht schnell auszuräumen sind. Doch wer wüsste sprachlich zu taxieren, ob die Kürschnerschwärze eher dem Gemeinohrenschwarz oder der Zungenschwärze ähnelt?

Mehr als ein Jahrzehnt akribischer Arbeit hat der in London tätige und für dieses Vorhaben auch mit einer Emeritus Fellowship unterstützte Germanist William Jervis Jones für seine gewaltige Sammlung historischer Farbbezeichnungen im Deutschen aufgewendet; sie liegt nun als gedrucktes Lexikon in fünf üppigen Bänden und mit unzähligen Belegstellen vor. Der Eintrag «Farbe» umfasst allein zwanzig Seiten, und Komposita, die mit «Farb-», «Farben-» oder «Färbe-» beginnen, finden sich mehrere Hundert. Dass die Haupteinträge zu den einzelnen Farben ausgesprochen ausführlich ausfallen, ist eine ebenso weise wie informative Entscheidung. Denn hier können die jeweils wichtigsten Begriffe bezüglich ihrer diachronen Entwicklung, der Verfahren der Wortbildung und vor allem des vollen Umfangs des Wortfeldes, aber auch im Hinblick auf ihre Konnotationen und Verwendungsweisen erörtert werden. Die grüne Farbe etwa geht zurück auf das germanische Verb für Wachsen, eben jene spriessende Tätigkeit der Natur, die den Reichtum von Grüntönen erst hervorbringt (kressen-, linden- oder efeu-, klee-, schnittlauch- oder sommergrün); eine Bedeutung, die es in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verliert. (Wohl dann erst kamen die Bildungen kuhfladen-, katzenzungen- oder wutgrün auf.) Seit 1697 dagegen ist Gelb (sonst eher mit dem z.B. «gelbspitzig» daherkommenden Neid verbunden) als giftige Farbe belegt. Rot wiederum ist wohl die älteste und verbreitetste Farbbezeichnung.

Systematisch nach Nuancen und Abtönungen einzelner Farben durchsuchen lässt sich das gedruckte Lexikon allerdings nur bedingt (hier mag über die Zusammenstellung in den Haupteinträgen hinaus das zum selben Preis erhältliche E-Book Vorteile haben), denn nur allzu oft werden die bei Farbbezeichnungen häufig links erweiterten Komposita auseinandergerissen: Zwischen Aurorarot und Zornleibfarbe liegen Chromrot und Korallenrot, aber auch ein ganzes Farbenleben von Jugend-, Lust- und Liebesrot bis hin zum Sterbe­rot. Und wer alles rot sein kann (und meist auch erröten): der Rotdöbel und das Rötel­äffchen, die Purpurammer, der Karmesin­wurm und natürlich das Koschenilletierchen…

Um die 35 000 Lemmata verzeichnet das Lexikon insgesamt, und dabei ist es alles andere als vollständig. Die zugrunde gelegten Textcorpora konnten letztlich nur selektiv ausgewertet werden, und was die «Gegenwartssprache» des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts betrifft, so ist sie auch deshalb nur «provisorisch» vertreten, weil jüngere Farbmittelnamen (insbes. die der synthetischen Farbstoffe) oder Modefarben (Zeitschriften, Kataloge etc.) nicht systematisch erfasst wurden. Sprachhistorisch wurde vorgängig eine Unterteilung des Lexikons in die drei (resp. vier) grossen Perioden vorgenommen, die jeweils eine eigene Abteilung bilden: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und schliesslich der auch aus Gründen etymologischer Stringenz als Einheit gefasste Sprachschatz des Frühneuhochdeutschen und Neuhochdeutschen. Das Althochdeutsche kann, nicht zuletzt aufgrund der Überlieferungslage, die wenigsten Einträge verzeichnen – doch klingt etwa das fizzilfêhros (ein Pferd mit weissen Fussgelenken) wie ein Traum aus uralten Zeiten. Und das Mittelhochdeutsche – es passt noch mit dazu in den ersten, bei weitem schmalsten Band – bildet seine Farbbegriffe häufig durch Anhängen der Silbe var (bei Adjektiven) bzw. des Ausdrucks farwe: und so kommt die missevarwe, die üble Blässe, gleich hinter dem Glück zu stehen, das liebestrunken oder eben minnevar ist. Am umfassendsten belegt ist die Phase des Neuhochdeutschen bis etwa 1830; danach nimmt das Material überhand, ist kaum mehr systematisch zu sammeln und zu ordnen. Im 17. und vor allem 18. Jahrhundert (als sich zur Blondine noch der Blondin gesellte) häuften sich Farbbezeichnungen, die aus dem Französischen übernommen waren; entsprechende Kombinationen finden sich unter: bleu, jaune, rouge, vert … Am bekanntesten ist sicher das einst modische Bleumourant, das eine leidvolle Historie hat: Schon im 17. Jahrhundert als blümerant eingedeutscht, wurde ihm erst im 19. Jahrhundert seine übertragene Bedeutung aufgebürdet – üble Nachrede?

Farben sind eben nicht nur physisch und physiologisch zu beschreiben, sondern sie haben – auch das wusste schon Goethe – neben der sinnlichen sittliche sowie ästhetische Wirkungen. Und gerade deshalb ist die Fülle und Variationsbreite der möglichen Farbbezeichnungen instruktiv. Vielfach sind es die Redewendungen und der metaphorische Gehalt der Begriffe, die unser Interesse wecken. Am meisten jedoch erstaunt die Einfühlsamkeit und die Treffsicherheit vieler Farbwörter, die uns Sinn und Gehalt der Farben mit aufscheinen lassen: Die Lichtleibfarbe der Menschenwesen etwa oder, dass einer reisebleich werden kann; da leiden wir mit, ganz anders als wenn wir mit Biederblau konfrontiert werden.

Nun lassen sich Lexika nicht kursorisch lesen und sie sind auch nicht das, was man sich unter einem Schmöker vorstellt, aber das Blättern in dieser Vielzahl deutscher Farbbezeichnungen erlaubt sinnliche Entdeckungen und ist nicht nur als Schatztruhe poetischer Wendungen inspirierend.

William Jervis Jones: Historisches Lexikon deutscher Farbbezeichnungen. 5 Bde. Berlin: Akademie Verlag, 2013, 3308 S., gb., 498.– €