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Virtuelle Museumsbesuche unter dem Dach der Deutschen Nationalbibliothek

von Nana Badenberg

sph-Kontakte Nr. 99 | August 2014

Pünktlich zum Internationalen Museumstag im Mai hat das Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) eine Online-Version seiner­ vor zwei Jahren im lichten Leipziger Neubau gleichsam manifest und mit gut gewählten Exponaten eröffneten Dauerausstellung aufgeschaltet. Jederzeit und überall kann man sich fürderhin unter ­http://mediengeschichte.dnb.de durch den Themen­parcours klicken; geradezu auffordernd bewegen sich auf der Startseite die bunten Balken mit den Namen der elf Stationen: von der Ästhetik des Buches bis zur Zensur.

Der Weg der medialen Entwicklung führt dabei von der Schrift zum Buch zum digitalen Netz. Was als Bemühen des Menschen, Spuren zu hinterlassen, beginnt (etwa mit Handzeichen auf Höhlenwänden), endet in dem digitalen Blick: Google Glass ist das wohl jüngste Exponat; als Denker dieses Medienwandels eingetragen sind selbstredend Enzensberger, Kluge oder McLuhan. Dazwischen befinden sich mehrere Jahrtausende Mediengeschichte, die jeder nach Gutdünken, gemäss seinen Interessen und in der ihm eigenen Geschwindigkeit, durchwandern kann. Von der Keilschrift des 4. vorchristlichen Jahrtausends ist es beispielsweise nur ein Klick zur Entzifferung ihrer mehrdeutigen Zeichen durch Georg Friedrich Grotefend um 1800; von dort führen Links etwa zu Champollion oder Athanasius Kircher. Kryptologie und Chiffriermaschinen sind nicht weit entfernt, aber die von den Link-Angeboten gespurten Pfade führen nur vom Themenbeitrag zu den Personen, nicht umgekehrt. Überhaupt: Die pro Eintrag nur geringfügige Textmenge, der streng vorgegebene Aufbau und die Unterteilung der «Museumsstücke» in Themen, Personen und Objekte mutet jedem noch dem Medium Buch verhafteten Betrachter eher grobschlächtig und oberflächlich an. Sie entsprechen dem Konzept der schon im September 2013 aufgeschalteten Ausstellung Künste im Exil (s.u.). Gut einbauen lassen sich in die virtuellen Museumsräume hingegen Ton- und Videodokumente, und hier lassen sich unterhaltsame und gehaltvolle Funde machen. Von unaufdringlich belehrender Einfachheit sind die kurzen Darstellungen zum Thema «Zeichen setzen» von Iglhaut + von Grote, die sich in bester Tradition als «Filmcollagen» verstehen. «Hier und weg» von Michael Marks wiederum ist «ein Film aus Papier», ein animierter und doch melancholischer Briefwechsel, der sich eben unter dem Thema «Briefe» entdecken lässt.

Und der Beschreibstoff Papier? Zu dem Suchbegriff finden sich immerhin 21 Einträge. Neben dem Stichwort «Papier» selbst werden als Personen angeführt: Georg Friedrich Wehrs, «der Papierforscher», und Friedrich Gottlob Keller, «der Erfinder des modernen Papiers», daneben Buchkünstler und Bibliophile (Morris, Kessler), aber auch Herman Hollerith und die «Poesie der Lochkarte». Zudem ist an Papiertheater, Bilderbögen (sie findet die Suchmaschine nicht), Flugblätter, Bucheinbände oder Zeitungen gedacht – Schnelllebiges neben Traditionellem, und ein Wasserzeichen versteckt sich unter dem Stichwort «Verlage» im «A–Z der Industrialisierung» (sinnigerweise eine Sirene). Ein buntes Gemisch, vielfältig wie die Bildstrecke zu den Orten, an denen gelesen wird (noch immer in Büchern wohlgemerkt).

Gleichfalls von der Deutschen National­bibliothek, vom dort angesiedelten Exilarchiv betreut, jedoch von vornherein als genuin virtuelle konzipiert ist die Ausstellung Künste im Exil (www.kuenste-im-exil.de). Die Idee ist hier insofern bestechend, als die Möglichkeiten des erst einmal unbegrenzten elektronischen Raumes genutzt werden können, um Dokumente aus ganz verschiedenen Archiven und Institutionen zusammenzubringen. An dem Projekt beteiligt ist ein Netzwerk von momentan 32 Institutionen, darunter das deutsche Literatur­archiv Marbach, die Akademie der Künste Berlin, die Jüdischen Museen in Frankfurt, München und ­Berlin, die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, die Stiftung Clément Moreau, die Österreichische Exil­bibliothek und das Schweizerische Literaturarchiv.

Bereits durch die Bandbreite von deren Beständen kommt einiges zusammen über die zwischen 1933 und 1945 aus Deutschland gefallenen Menschen, wie sie Herta Müller, den Roman von Konrad Merz zitierend, in ihrem Aufruf für ein Museum des Exils nannte. Und gegenüber der materiellen und Ortsgebundenheit eines herkömmlichen Museums lassen sich im virtuellen Raum Materialien zusammenführen, die just aufgrund der Bedingungen des Exils verstreut wurden. Doch wird die mit Mitteln des deutschen Kulturstaatsministeriums aufgebaute Plattform einer solchen Aufgabe bereits gerecht? Und ist die Aufmachung so multimedial und spielerisch, wie sie die DNB ankündigt, um ein junges Publikum von Digital Natives für das Thema zu interessieren?

Ein erster Rundgang weckt vor allem Erwartungen. 300–400 Dokumente sind mittlerweile aufgeschaltet; der Schwerpunkt liegt eindeutig bei den Objekten. Das leuchtet ein, denn jeweils mehrere sind einer Person oder auch einem Thema zugeordnet. Doch die Zusammenstellung der Personen – sie ist wohl dem zeitlichen Zufall einer früheren Bearbeitung geschuldet – wirkt unausgewogen heterogen. Da das Gros Künstler sind, die Deutschland zwischen 1933 und 1945 verlassen mussten, erscheinen die wenigen Ausnahmen: Herta Müller, Liao Yiwu und Rainer Bonar, wie pflichtschuldige und doch singuläre Ausweitungen eines eher strikt gefassten Exilbegriffs. Und während die Filmschaffenden mit bewegten, manchmal bewegenden Dokumenten eingebunden sind, hofft man bei Komponisten oder Interpretinnen oft vergebens auf ein Tondokument: Lotte Lenya etwa würde man zu gerne singen hören. Doch das mag sich ändern, je mehr Beiträge vom Netzwerk der beteiligten Institutionen ins Netz gestellt werden.

Nur wenige Beiträge verlassen das auch ästhetisch sehr starre Korsett der rigiden formalen Vorgaben – einzig das Junge Museum, als Marbacher Pilotprojekt schon früh eingebunden, darf sich für sein Publikum einen spielerischen Umgang mit seinem Material erlauben, insbesondere dem selbst schon sprachspielerischen Werk Oskar Pastiors. Doch klickt man sich dank dieser Vorgaben nach einiger Übung umso schneller durch die Exilwelten. Die im Digitalisat en détail zu studierenden Papiere – viele davon solche, die im ganz elementaren Sinne einen Aufenthalt und ein Überleben im Exil erst ermöglichten – geben jedenfalls Stück für Stück Auskunft über jene Kapitel deutscher Geschichte, die zu erinnern weiterhin Not tut.