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Papier- und Buchstadt Leipzig – Zur 22. Jahrestagung des Deutschen Arbeitskreises für Papiergeschichte

von Nana Badenberg

sph-Kontakte Nr 98 | Januar 2014

Eine allmähliche Annäherung und einen historischen Einstieg ermöglichte der erste Tag der vom 19. bis 21. September 2013 in Leipzig stattgefundenen Tagung des Deutschen Arbeitskreises für Papiergeschichte (DAP) mit einer Exkursion ins sächsische bzw. thüringische Umland: Besucht wurde die auf eine Gründung im Jahr 1537 zurückgehende und im 18. Jahrhundert unter der Familie Keferstein, später dann unter Ferdinand Traugott Flinsch berühmt gewordene Papiermühle Penig – heute wird dort Dekorpapier produziert. Danach ging es in das rund 25 Kilometer entfernte Papiermuseum Fockendorf, wo Frank Heinzig quasi vor Ort über Gründung und Geschichte der herzoglichen oberen Papiermühle Ende des 17. Jahrhunderts referierte. Am Freitag und Samstag stand dann eine Vielzahl dichter und informativer Vorträge auf dem Programm; man traf sich in den Räumen der Deutschen Nationalbibliothek und des im Neubau untergebrachten Deutschen Buch- und Schriftmuseums mit seinen papierhistorischen Sammlungen.

Einen Veranstaltung wie Ort auf den Leib geschneiderten Auftakt boten Thomas Keiderlings Ausführungen zu Begriff und Geschichte der «Buchstadt Leipzig». Der frühen Bedeutung der Buchmesse, der Durchsetzung des Konditionshandels unter Erasmus Reich und später dann des so genannten Leipziger Platzes, aber auch der enormen Verlagsansiedlung im 18. und 19. Jh. zum Trotz: Die Rede von der «Buchstadt» etablierte sich erst in den 1930er Jahren im Zuge von Propagandakampagnen der «Reichsmessestadt»; sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg (und nach der Zerstörung des Buchhändlerviertels im Dezember 1943) mit neuer Bedeutung aufgeladen und hat sich zum Teil bis heute gehalten.

Frank Heinzig führt vor Ort in die Geschichte des Papiermuseum Fockendorf ein.

Über die an Mühlen reiche Geschichte des «Papierland Sachsen», die – sieht man von einem Chemnitzer Privileg aus dem Jahr 1398 ab – recht eigentlich im 16. Jahrhundert und in Bautzen begann, berichtete Frieder Schmidt und leitete so über zu jenem Grundstoff der Buchherstellung, um den es in den weiteren Vorträgen dann ging. Dabei kamen auch spezielle Papiere wie teergetränkte Dachpappe (Joachim Preuß) oder Buntpapiere (mit der informativen, von Julia Rinck vorgestellten Website des entsprechenden Arbeitskreises: www.buntpapier.org) zur Sprache. Herstellungsmethoden wie das Schöpfen grosser Papierbogen – bis hin zu einer Grösse von verblüffenden 4,5 x 4,5 Metern – wurden am Beispiel Chinas (Dieter Pothmann) bzw. Japans (Hans-Joachim Drissler) sehr anschaulich und dank einer Rolle nur 1,8 Gramm schweren Japanpapiers auch haptisch dargeboten.

Als exemplarisch für die historischen, mühlenspezifischen Beiträge sei die minutiöse, kriminalistische Spurensuche von Ulman Weiss herausgehoben, der anhand der Gründungsgeschichte der Papiermühle in Friedrichroda nachzeichnete, wie um 1730 die Bemühungen des zuziehenden Papiermachers Johann Heinrich Möller am Widerstand der ortsansässigen Konkurrenz aufgerieben wurden.

Die heute enormen Möglichkeiten und Hightech-Verfahren der Papierprüfung stellte Giselher Grüner anhand der Geräte und Geschichte seiner 1995 gegründeten Firma Emtec vor. Im Zusammenhang mit dem (bedrohten) Erhalt von traditionellen Musterzimmern wie aktuell dem der Schweizer Papierfabrik Biberist, in denen die Produktionsprotokolle und Papierproben aufbewahrt sind, problematisierte Martin Kluge, wie präzise sich anhand der vorhandenen Daten der Output einer Papiermaschine rekonstruieren lässt bzw. mit den zunehmenden technischen Knowhow lassen wird. Der Erhalt von Originalpapieren ist dazu freilich unabdingbar. Vielerorts sind die Musterzimmer gleichwohl, schon aufgrund von Platzmangel, längst abgebaut, wie auch Magdalene Christ von der Stiftung Zanders bestätigte, wo der Bestand digitalisiert und katalogisiert wurde.

Ein eigener Themenkomplex war der papierhis­torischen und speziell der Wasserzeichenforschung im Zeichen zunehmend digitalisierter Daten und Datenbanken gewidmet. Ausgiebig stellte Florian Betz das «Normdaten-Projekt» des Deutschen Buch- und Schriftmuseums vor, mit dem der bislang als Zettelkasten geführte Papiermacherkatalog wie auch der entsprechende Papiermühlenkatalog digital erfasst, in gemeinsame Normdatensätzen (GND) konvertiert und so online verfügbar gemacht wird. Einseh- und abrufbar ist er über das DNB-Portal: https://portal.dnb.de/opac.htm. Gleichfalls an der Deutschen Nationalbibliothek angesiedelt ist ein Projekt zur Erfassung der Thüringer Wasserzeichen aus den Papierhistorischen Sammlungen, die digitalisiert und ins Wasserzeichenstudio (WZS) bzw. -Informationssystem (WZIS) eingepflegt werden. Abrufbar sind sie dann über DNB, WZIS, aber auch  über www.memoryofpaper.eu. Letztere Seite führt zum Bernstein-Portal, von dem aus momentan auf 16 verschiedene Datenbanken mit etwa 184 000 Wasserzeichen zugegriffen werden kann. Emanuel Wenger von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stellte dieses Portal noch einmal vor, auch unter dem Aspekt der möglichen Einbindung weiterer Datenbanken. Als reines Portal ermöglicht «Bernstein – The Memory of Paper» den Zugriff auf die verschiedensten beteiligten Projekte; es kann sich allerdings nur an das abrufend erinnern, was von den extern bereitgestellten Datensätzen her angelegt ist. Inzwischen ebenfalls über das Bernstein-Portal zu recherchieren ist die umfangreiche Sammlung an Maschinenpapierwasserzeichen von Stefan Feyer­abend (auch: www.papierstruktur.de). Während Feyerabend selbst die Geschichte seiner überwiegend aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammenden Sammlung darlegte, erläuterte Georg Dietz deren Aufbau und die Schwierigkeit, die oft in Form beschriebener Belege erhaltenen Wasserzeichen sichtbar zu machen. Als Desideratum einer noch zu erstellenden Datenbank stellte Martin Kluge seine Bemühungen um ein unabhängiges, standardisiertes Erfassen von Haus- bzw. Kontermarken vor. Ein weites Feld.

Auch über die Wort- (und Bild-)Beiträge hinaus, die in einem grossen, lichten Tagungsraum der Deutschen Nationalbibliothek geboten wurden, ermöglichte die Tagung viel Anschauungsunterricht in Sachen Buch- und Papiergeschichte: Überwacht von den Augen der deutschen Verleger, deren Porträts im ehemaligen Sitzungszimmer hängen, und umgeben von den dort einstehenden Büchern der Paulskirchenbibliothek – dem ersten Versuch von 1848/49, eine deutsche Nationalbibliothek zu gründen – liess sich die einzigartige Buntpapiersammlung aus dem Nachlass Eva van Breugels bestaunen. Interessant sind die exquisiten Papiere der 2011 verstorbenen niederländischen Künstlerin insbesondere dank ihrer ausführlichen Arbeits- und Rezeptbücher, die den Entstehungsprozess präzise dokumentieren. Ein Blick hinter die Kulissen des Deutschen Buch- und Schriftmuseums zeigte, welche Schätze im Inneren des 2011 eröffneten Erweiterungsbaues lagern, den die Architektin Gabriele Glöckler selbst Buchform annehmen liess: Eine reichhaltige Egoutteur-Sammlung, das Musterzimmer aus Weißenborn, Reproanlagen, Satz-, Druck- und Prägemaschinen, um nur einige der Stücke zu nennen, die hier im Depot lagern. Die neue Dauerausstellung kann bei all ihrer Opulenz sowohl der ausgestellten Stücke als auch der ausgefeilten Präsentationsformen nur die sprichwörtliche Spitze des Bücherberges zur Schau stellen: Eine kurze Mediengeschichte der Menschheit, durch die Frieder Schmidt so kurzweilig führte, dass man gerne noch bis lange nach Museumsschluss geblieben wäre.

Hauteingang der Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Das Gebäude wurde 1912 als Archiv des deutschen Schrifttums und des deutschen Buchhandels errichtet.