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Bilder bewahren: Fotografien als Geschichtsarchiv

von Nana Badenberg

sph-Kontakte Nr. 97 | Juli 2013

Längst schon ist jedes Handy mit einer valablen Kamera ausgestattet, hat das sekundenschnelle Ver­senden von Schnappschüssen via iPhone oder Computer die handgeschriebene Urlaubspostkarte abgelöst. Die Bilderflut ist also grösser denn je; und sie ist um so grösser, desto virtueller sie daherkommt. Doch die Immaterialität vermeintlich unbegrenzter digitaler Möglichkeiten hat der Fotografie just jenes Substrat entzogen, das sie ein gedehntes Jahrhundert lang zum adäquaten Ausdruck und Aufzeichnungs­medium einer technischen und urbanen Erschliessung der Welt machte: die materiell fixierte und doch instabile Verbindung von lichtempfindlich reagierender Emulsion und handfester (meist papierner oder gläserner) Trägerschicht. Die Flüchtigkeit der Verbindungen, die Silbersalze bei diesem Schreiben mit Licht eingehen, korrespondierte vor allem in der Frühzeit der Fotografie vielfach mit den festgehaltenen Bildern sich rapide wandelnder Städte und Gesellschaften.

Gemüsemarkt in der Steinenvorstadt in den 1920er Jahren

Auch einer Stadt wie Basel ist der historische Wandel entlang ihrer Fotografiegeschichte abzulesen: Die Eingriffe in die innerstädtischen Flussläufe (Überbauung des Birsig, Riehenteich) oder die Brückenbauten (1898 die noch als Harzgrabenbrücke entstandene spätere Wettsteinbrücke; 1903 die Ersetzung der mittelalterlichen Mittleren Brücke; 1932 die Dreirosenbrücke) sind die vielleicht sinnfälligsten Beispiele städtebaulicher Veränderungen. Ihre gesellschaftliche Entsprechung finden sie im Wandel der Gewerbes, das einst am Wasser angesiedelt war, oder auch in der Verlegung etwa des Fischmarktes oder des Gemüsemarktes, der in den 1920er Jahren noch die Steinenvorstadt belebte. Eine reichhaltige Sammlung bietet hier das Fotoarchiv Hoffmann, das über drei Fotografengenerationen hinweg diese wie auch andere Bereiche der Klein- und Grossbasler Geschichte dokumentiert: vom Alltagsleben bis zu historischen und kulturellen Grossereignissen.

Vorbereitung für eine mögliche Sprengung der Mittleren Brücke im Falle des Einmarsches deutscher Truppen (1. August 1914)

Legt man beispielsweise die über 80 Jahre hinweg kontinuierlich entstandenen Bilder des Vogel Gryffs über- bzw. hintereinander, so wird aus den von Jahr zu Jahr jeweils nur kleinen Verschiebungen – sie mögen in der variierenden Unschärfe den ‹normalen› kalendarischen Abweichungen entsprechen – am Ende doch eine markante Veränderung der Tradition kenntlich. Für Museen und Historiker bietet eine solch kohärente Sammlung reiche Beute. Dies um so mehr, als im Fall des Fotoarchivs Hoffmann mit den umfangreichen «Journalen» die Buchführung des Tagesgeschäfts erhalten und das Gros der Aufnahmen identifiziert oder leicht zu identifizieren ist. Neben dem den Sujets unmittelbar abzulesenden historischen Gehalt, zeugt der Bestand zugleich vom medialen wie auch ästhetischen Wandel.

Bedruckte Rückseite von Porträtaufnahmen im Visitkartenformat

Beispielhaft veranschaulicht dies die Entwicklung der Porträtfotografie, die dank des Standorts des 1891 von Theodor Hoffmann in der Clarastrasse gegründeten Ateliers reich vertreten ist. Bis zum Neubau des Badischen Bahnhofs führte der Strom der ganz in der Nähe ankommenden Stadtbesucher fast ein Vierteljahrhundert lang an dem Fotogeschäft vorbei. Die aufeinanderfolgenden Wellen der heute oft ausgefallen anmutenden Inszenierung der Abgelichteten in ihrem je eigenen Sonntagsstaat zeigen in ihrer Abfolge zuallererst die Moden der Porträtfotografie. Und beim klassischen Visitkartenformat – die Platten blieben «für Nachbestellungen und Vergrösserungen» selbstverständlich und für die Vollständigkeit der Sammlung glücklicherweise aufbewahrt – lassen sich schon der Rückseitengestaltung dieser oft auf Karton aufgezogenen Albuminpapierabzüge Informationen über die Selbstdarstellung und den Aussenauftritt des Fotografen entnehmen. Diese, wenn man so will, Visitenkarte des Fotografen hilft heute bei der Datierung der sonst in ihrer erhaltenen Masse meist anonym bleibenden Porträts. Ebenfalls ablesen lässt sich der Sammlung ein Wandel der verwendeten Techniken und Fotopapiere, die Nutzung von natürlichem Licht (noch heute sind die klassischen Atelieroberlichtfenster und das Glaskopierhäuschen für die Belichtung der Abzüge im obersten Geschoss des Gebäudes erhalten) oder – mit der Einführung der Kohlenbogenlampe nach der Jahrhundertwende – von künstlicher Beleuchtung. Hier liegt der dokumentarische Wert mehr als auf dem einzelnen Foto in der Serie als solcher, die erst Rückschlüsse auf und Erkenntnisse über den medialen Wandel ermöglicht.

Thematische Blöcke bilden beispielsweise auch Aufnahmen, die verschiedene Berufe und Tätigkeiten dokumentieren. Felix Hoffmanns Lehrabschluss-Aufnahmenserie etwa zu der Strassenasphaltierung aus dem Jahr 1947 zeigt in der heroischen Inszenierung von Strassenarbeitern eindringlich deren Dienst am Bau einer längst entrückten Moderne. Die schweisstreibende Arbeit an den dampfenden Asphalttrögen ist sicher eine zu Recht von Maschinen verdrängte Tätigkeit. Der Kontaktbogen mit den historischen Aufnahmen ermöglicht jedoch die erinnernde Begegnung mit einer Tätigkeit, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Wer könnte sich ohne solche Bilder noch die Arbeit etwa von Gasriechern oder Drahtziehern vorstellen?

Im Verschwinden begriffen ist inzwischen freilich auch die Tätigkeit des Fotografen im emphatischen Sinne – als eine noch elementare Arbeit am Bild. Solange das Material begrenzt und die Überprüfbarkeit des Resultats aufgeschoben war, galt noch die Fähigkeit, einen unwiederbringlich vergehenden Augenblick zu erkennen und festzuhalten. Einst konnte, ja musste ein guter Fotograf wissen, wann er das Bild im Kasten hatte. An die Stelle dieser Sensibilität, die filmischem Material und fotografischem Gespür gleichermassen eignete, ist inzwischen die fast beliebige Wiederhol- und beständige Überprüfbarkeit getreten.

Aufnahmenserie zu Asphaltierungsarbeiten aus dem Jahr 1947 (Kontaktkopien).

Das Fotoarchiv Hoffmann umfasst etwa 240 000 Negative. Hinzu kommen noch weitere, von anderen Fotografen erworbene Bestände sowie eine Sammlung historischer Stereoaufnahmen – ein enormer Fundus, vergleicht man ihn etwa mit den rund

65 000 Aufnahmen des Archivs Höflinger, der bislang wohl umfangreichsten fotografischen Privatsammlung, die in den Beständen des Basler Staatsarchivs aufgegangen ist und dort einen beispielhaften Ort findet, um den historischen Gehalt dieser Bildquellen zu erschliessen und zugänglich zu erhalten.

Zeugnisse nicht nur lokalgeschichtlicher, alltäglicher und kultureller Natur, sondern auch der Auswirkungen historischer Ereignisse von internationaler Tragweite finden sich in dem Hoffmann’schen Archiv zuhauf. So verdeutlichen die während der beiden Weltkriege entstandenen Bilder am Beispiel prophylaktischer Barrikaden, durchmarschierender Truppen und Flüchtlinge oder gar ‹versehentlicher› Bombenschäden aufs Deutlichste die vorgeschobene Stellung Basels. Bis Mitte der 1930er Jahre sind überwiegend Glasnegative erhalten; dies ist um so erfreulicher, als diese zwar schweren, aber detailgenaue Nuancen bewahrenden Bildträger zu Zeiten der beginnenden Digitalisierung auch schon entsorgt wurden.

Aufgrund ihres chemischen Entstehungsprozesses ist jede echte Fotografie gleichwohl vom Verfall bedroht; und wo sie selbst bildliches Gedächtnis eines unwiederbringlich vergangenen Augenblicks ist, bedarf sie ihrerseits als Objekt archivalischer Pflege. Das betrifft die entsprechende Lagerung ebenso wie die Kontextualisierung. Wünschenswert ist also eine Zusammenführung von Fotosammlungen nicht nur im virtuellen Raum digitaler Datenbanken, wie sie zunehmend zur Verfügung stehen, sondern auch in ihrer physischen, oft prekären und gefährdeten Präsenz. Im Fall des Fotoarchivs Hoffmann bemüht sich derzeit ein entsprechender Verein um die Überführung in eine öffentliche Sammlung.