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Das Papier im digitalen Zeitalter

von Peter F. Tschudin, Riehen

sph-Kontakte Nr. 96 | Dezember 2012

Dem begeisterten Papierhistoriker steht gut an, sich neben Wasserzeichen- und Mühlenkunde auch mit den Papier-Trends der Gegenwart zu beschäftigen, wenn er den Überblick über die Entwicklung «seiner» Disziplin behalten will. Denn bereits übermorgen ist morgen von gestern! Sabine Schachtner hat kürzlich in einer Papierhistoriker-Zeitschrift eine Zusammenstellung von Daten zur realen Papierwelt der letzten 20 Jahre veröffentlicht.

Die daraus ersichtliche Entwicklung verläuft durchaus folgerichtig: Verbrauch und Produktion verlagern sich in die aufstrebenden Schwellenländer, allen voran China und Südostasien, während die bisherigen Spitzenreiter zurückfallen. Damit findet auch bei den Rohstoffen und den Papiersorten, den entsprechenden klimatischen und gesellschaftlichen Bedingungen folgend, ein grosser Wandel statt. Überraschend mag zunächst klingen, dass die Zellstoffproduktion in einem Zeitraum stagniert, in dem die Produktion von Papier und Karton weiter wächst. Die einfache Erklärung dafür lautet: vermehrter Einsatz von Recyclingfasern. Auch die Verbrauchszahlen pro Kopf der Bevölkerung ändern sich markant. Verpackungs- und Hygienepapiere boomen, während die früher florierenden graphischen Papiere seit 2008 vor allem in den USA einen nicht zu unterschätzenden Einbruch erlitten haben.

Doch muss man sich fragen, ob es möglich sei, darin einen Einfluss der wie auch immer verstandenen, so genannten Digitalisierung mit statistischer Sicherheit festzustellen. Eine spezielle Studie der AMEC geht dieser spezifischen Frage nach. Sie stellt zunächst fest, dass die weltweite Nachfrage nach Papier und Karton seit 1990 zwar um 56% gestiegen ist, dass sie aber seit 2007, mit einem speziellen Einbruch 2009, stetig zurückgeht. Das bisherige Wachstum dieser Nachfrage verlief mehr oder weniger parallel zum Wachstum des global gemittelten realen Bruttoinlandprodukts. Dies entsprach der anerkannten Meinung, der Papierverbrauch widerspiegle den Entwicklungs- und Zivilisationsstandard. Seit 2005/2006 jedoch zeigt sich eine Entkopplung: Die Papier­nachfrage bleibt weit hinter der Entwicklung des weltweiten Bruttoinlandprodukts zurück, wird sogar rückläufig.

Auf der Suche nach möglichen Gründen stellt die Studie zunächst fest, dass die negativen Zahlen der Jahre 2006–2011 sich ausschliesslich auf 22 «entwickelte» Länder der Regionen Nordamerika, Westeuropa und Japan-Ozeanien beziehen, und dass die einzelnen Papiersorten davon ungleich betroffen sind.

Die Zeitungspapiere und, in geringerem Masse, die Papiere für Werbedrucksachen sind die Verlierer. Der reflexartige Schluss, schuld sei ein massiver Rückgang der gedruckten Zeitungen in ihrer medialen Bedeutung im digitalen Zeitalter, scheint aber widerlegt durch die Tatsache, dass die bezahlten (also abonnierten) Auflagen der Tageszeitungen weltweit von 2000 bis 2011 um immerhin 4.35% zugenommen haben, wobei sich dieses Wachstum in den Jahren nach 2005 stark verringert, ohne jedoch ins Negative zu fallen. Die sich in den letzten Jahren etablierenden Gratiszeitungen sind dabei nicht eingerechnet.

In einem zweiten Schritt der Ursachensuche wird der Begriff «digitales Zeitalter» hinterfragt, und zwar im Zusammenhang mit der ominösen Schwelle von 2005/2006. Während die Entwicklung von Radio und Fernsehen keine signifikanten Hinweise liefert, zeigen die Entwicklungsstufen des Computers sowie die Verkaufs- und Benutzerzahlen von Computern Smartphones und Tablets unerwartet deutliche Zahlenreihen. Diese belegen auch, dass der ursprünglich dominierende Anteil der «entwickelten» Länder am Mobile- und Computer-Verkauf einem immer grösseren Wachstum in den aufstrebenden Schwellenländern weichen muss. Der Schritt in ein wirklich globales «digitales Zeitalter» scheint also erst mit den neuesten Generationen von Smartphones und Tabletcomputern zu erfolgen!

Inwiefern ist nun die Papierindustrie von dieser Entwicklung betroffen? Dies hängt natürlich vom Nutzer dieser Geräte ab. Eine 2011 erfolgte, repräsentative Umfrage bei Tabletbesitzern in sechs west- und osteuropäischen Ländern ergab die folgende Gewichtung der Aktivitäten (Mehrfachnennungen waren möglich):

Rang

Aktivität

Nennungshäufigkeit

1

Nachrichten lesen

100 %

2

Surfen im Web

100 %

3

E-mail

95 %

4

Fotos aufnehmen/ansehen/austauschen

86 %

5

Fernsehen / Videos

85 %

6

Computerspiele

84 %

7

Zeitschriften lesen

81 %

8

Online-Einkäufe

80 %

9

Facebook, Twitter, Blogs etc.

75 %

10

E-Books lesen

73 %

Für den Papierverbrauch relevant sind die fünf grau ausgezeichneten Positionen. Während der Wechsel von der Briefpost zur elektronischen Mitteilung schon seit längerer Zeit anhält und die Sorten Fein- und Geschäftspapiere direkt betrifft, ist bei den Online-Einkäufen zwar mit einem Trend weg vom gedruckten Versandhauskatalog oder -Prospekt zu rechnen, der sich indessen erst mit einer noch viel grösseren Verbreitung von Smartphones/Tablets durchsetzen dürfte. Abgesehen vom Generationenwechsel ist mit ein Grund dafür die noch immer in einer Art Startphase verharrende Internetwerbung, die eine adäquate Form noch nicht gefunden hat, und deren Nachhaltigkeit im Vergleich zu den Printmedien vorderhand in Frage gestellt werden muss. Dies sichert auch der Printwerbung eine gewisse «Schonzeit».

Das «Nachrichten lesen» entpuppt sich, bei genauerer Betrachtung, als Trend zum Empfang von möglichst mit einem Bild illustrierten, aktuellsten Kurznachrichten mit Kurzkommentar. Konkurrenziert sind dadurch in erster Linie Radio und Fernsehen sowie die Pendlerzeitungen und Boulevardblätter, während der Trend zur Online-Zeitung und -Zeitschrift wesentlich davon abhängt, ob und wie viel für diesen papierlosen Dienst bezahlt werden muss, und welche Zusatznutzen (z.B. kostenlose Archivrecherchen, Benützung von Bilddatenbanken oder, bei Fachzeitschriften, von FAQ-Foren) angeboten werden. Auch hier hat die Internetwerbung ihre Rolle noch nicht gefunden, und nicht zuletzt stösst sich der Tablet-Besitzer daran, dass er, nach Bezahlung der oft happigen Anschlussgebühr an seinen Provider, für im Web zugängliche digitale «Ware» noch zusätzlich bezahlen soll. Wie dem auch sei, der Rückgang des Zeitungspapiers ist nicht aufzuhalten und dürfte sich sogar beschleunigen, jedoch sicher nicht im Verhältnis des Booms der Tablet- und Smartphone-Verkäufe.

Bleibt die Entwicklung des E-Book: Die Studie zeigt, dass der Tablet-Computer im Begriff ist, die bisherigen speziellen Lesegeräte zu verdrängen. Dies dürfte einerseits den Trend zum E-Book verstärken und damit den Sektor der graphischen Papiere weiter schrumpfen lassen. Speziell ins Gewicht dürfte dabei fallen, dass damit die on-line-Nutzung von digi­talen «Leihbibliotheken» auf einfachste Weise möglich wird, ohne dass der Leser die vollen Kosten eines Bucherwerbs tragen muss. Andererseits ist der Triumph­zug des Digitaldrucks im Verlagswesen zu bedenken, der mit für die Umschichtung der Sorten im Bereich der graphischen Papiere verantwortlich ist. Mit anderen Worten: Grossauflagen werden nach wie vor im Computer-to-Plate-Verfahren hergestellt werden, während wissenschaftliche Werke, Kunstbände und Belletristik in einer eher bescheidenen Grundauflage mittels der Computer-to-print-Technik gedruckt werden (direkter Digitaldruck). Ist diese vergriffen, muss sich der Verlag entscheiden, entweder eine kleine Auflage mit oder ohne Änderungen nachzudrucken, einzelne Exemplare nach Wunsch der Besteller zu drucken oder das Werk künftig als E-Book (also ohne verlagseigenen Druck) zu vertreiben. In jedem Fall wird die Verwendung graphischer Papiere zurückgehen, wobei der Anteil der für den direkten Digitaldruck geeigneten Sorten anwachsen dürfte. Umfangreichere Nachschlagewerke wie Enzyklopädien, Lexika, Atlanten u.a. werden schon heute nur noch ausnahmsweise in einer gedruckten Version angeboten, und wissenschaftliche Zeitschriften erscheinen der Aktualität wegen immer häufiger in Onlineversionen, denen später eine Printversion folgt.

In diesem Zusammenhang ist auf zwei Trends hinzuweisen, die sich mit dem Siegeszug der Tablets wohl verstärken. Das nach digitalen Rahmenvorlagen mit individuellen Bildern und Texten selbstgestaltete Buch (derzeit vor allem für Fotobände und Kalender genutzt) wird von einem professionellen Printverlag direkt digital auf Papier gedruckt und dem Kunden gebunden ausgeliefert. Sodann ist zu erwarten, dass nicht nur Bildbearbeitungs-Software, sondern auch Grafik-Software fürs Tablet angeboten wird. Damit ist das individuelle Layout in allgemeine Reichweite gerückt, was sich vor allem zu Ungunsten der Serien-Buchgeschenke auswirken dürfte. Apps, welche die eigene Handschrift in einen digitalen Font verwandeln, sind bereits auf dem Markt. Einzig die Probleme des individuellen, hochqualitativen Drucks und des professionellen Ausrüstens (Bindens) stehen an. Das betrifft natürlich auch die Wahl des geeigneten Druckpapiers. Eine Zunahme in diesem bisherigen Nischensektor dürfte aber kaum die Rückgänge in der eigentlichen Buchproduktion wettmachen.

Schliesslich sei einmal mehr auf den ungeheuren Verbrauch an PC-Druck- und Kopierpapieren hingewiesen, der sich noch steigern wird, auch wenn künftig generell ab Tabletcomputer weniger gedruckt werden dürfte. Für eine Zunahme dieses Papierverbrauchs sind insbesondere zwei Gründe zu nennen. Zum einen sind die Unsicherheiten und das ungelöste Alterungsproblem einer digitalen Speicherung, verbunden mit der Tatsache, dass der – zugegebenermassen nicht in allen Fällen fälschungssicheren – Hardcopy noch immer als juristisches Beweismittel der Vorrang gegenüber rein digitalen Daten gegeben wird, die Ursache für eine weitere, auch von der Entwicklung der PC-Drucktechnik abhängigen Steigerung des Papierverbrauchs. Zum anderen ist ein heruntergeladenes Schriftstück, z.B. ein Artikel aus Wikipedia, in Papierform besser für eine spätere Verwendung bzw. Lektüre zu handhaben und zu ordnen als eine «irgendwo» abgelegte Datei.

Das Fazit: Ein allgemeiner Rückgang der Papierproduktion ist erst dann zu erwarten, wenn auch die Schwellenländer ihren «Nachholbedarf» gestillt haben, und wird weder die Verpackungs- und Hygiene-Papiere noch die technischen Papiere betreffen. Hingegen werden erst dann massiv weniger Fein- und Druckpapiere, auch geringerer Sorten, produziert werden, wenn die mit den neuen digitalen Medien aufwachsenden Generationen im beruflichen und privaten Alltag neue Lese- und Kommunikationsgewohnheiten nicht nur als kurzlebige Trends anwenden. Der Entwicklung der Onlinewerbung, des Urheberrechts, aber auch der elektronischen Zahlungsmodi bzw. des E-Banking kommt dabei entscheidende Bedeutung zu.

Auch sei daran erinnert, dass auch ein ultraleichtes Tablet die Handling- und Lesequalitäten eines Papierbogens nicht erreicht, von der jederzeitigen Verfügbarkeit und Robustheit ganz zu schweigen. Ob der nächste Entwicklungsschritt zu einem über die Cloud und einen Pen-Digitalstift gesteuerten «elektronischen Papier» führen wird?

Zwischentitel

Entwicklungsstufen des Computers und kumulierte, weltweite Verkaufs- und Benutzerzahlen von Computern aller Arten, inkl. Smartphones und Tablets, seit 1960.