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Archive öffnen ihre Pforten

von Nana Badenberg, Basel

sph-Kontakte Nr. 96 | Dezember 2012

«Andacht zum Kleinen. Ja zum Kleinsten», diese – hier einem Vortrag Rudolf Steiners entnommene – goldene Philologenregel gilt auch für Historiker und erst recht für Archivare.  Noch das Kleinste, Unbedeutendste aufzubewahren, es in seinem materiellen Dasein zu erhalten und zugleich seinem geistigen Gehalt erschliessend eine Zukunft im kulturellen Gedächtnis zu sichern, darf als ihre eigentliche Aufgabe gelten. Angesichts der immer grösseren digitalen, technischen und konservatorischen Möglichkeiten und der immer knapperen finanziellen, personalen und institutionellen Mittel eine je anders sich stellende Herausforderung. Was tun – etwa mit über 7’000 Notizzetteln unterschiedlichster Formate und Inhalte, wie annähernd ebenso viele Landkarten verschiedenster Weltregionen und Massstäbe verorten? Die jüngsten Aktivitäten in den Archiven Basels und Umgebung bieten hier Anschauungsmaterial, Anregungen und Antworten.

In Dornach vor Ort:
Das Rudolf Steiner Archiv mit neuer Leitung

Rudolf Steiner war nicht nur als Begründer der anthroposophischen Bewegung ein einflussreicher Denker des frühen 20. Jahrhunderts und als solcher ein gefragter, ja charismatischer Redner mit – wie Zeitgenossen berichten – raschen, leichten Bewegungen, einem «von geistiger Leidenschaft gezeichneten» Äusseren und einer kräftigen, zugleich aber einschmeichelnden Stimme, deren innigen «Klang man nie vergessen wird». Unzählige Vortragsreisen führten ihn seit der Jahrhundertwende quer durch Europa, die thematische Bandbreite des Gesagten wurde wenn, dann von seinen Zuhörern und meist stenographisch festgehalten. Ideen für seine über 6’000 Vorträge skizzierte Steiner auf einzelnen Notizzetteln oder – neben Exzerpten und Alltagsbemerkungen – in seine Notizbücher (etwa 600 sind erhalten). Unterschiedlich verlässlich transkribiert wurden viele der Vorträge noch zu Steiners Lebzeiten in hektographierten Bänden publiziert. Das schafft konservatorische und editorische Probleme, und es wirft Fragen auf über den Stellenwert des gesprochenen und des geschriebenen bzw. publizierten Wortes.

Dass für den sich als Pädagogen verstehenden Steiner nicht die Lehre, sondern die oft flüchtige Begegnung zwischen Lehrendem und Lernenden entscheidend war, lässt sich auch seinen Wandtafelzeichnungen ablesen, von denen sich ca. 1’100 – weitestgehend aus der Zeit nach 1919 – erhalten haben. Mehr noch als den Inhalt des jeweiligen Vortrags geben die grossformatigen, spontan entworfenen Tafelbilder die Denkbewegung selbst wieder, fangen auf ihre Weise den Gestus der Rede und die Gestik des Redenden ein. Diese festzuhalten hoffte man, indem man auf die Tafeln, auf denen Steiner skizzierte, einen Bogen – leider nicht allzu hochwertigen – schwarzen Papiers klebte. Dass sich jedoch just das Ephemere des Gedankenflusses in einer Kreidezeichnung nicht auf Dauer stellen lässt, ist das Statement, das der heutige Zustand der papiernen Tafeln verkündet: Zu eng gerollt und in Kartonröhren aufbewahrt, mit Selbstklebestreifen malträtiert, der empfindliche Kreideauftrag berieben oder verwischt besteht konservatorischer und restauratorischer Handlungsbedarf. Seit 2010 werden von dem Verein Pro Denkbilder Gelder eingeworben und in einem Grossprojekt u.a. in Zusammenarbeit mit dem Berner Atelier Michael Rothe Hand angelegt, um die Denkbilder zu fixieren und zu erhalten.

Die Bestände des Rudolf Steiner Archivs, die grösstenteils in einem neben dem Goetheanum gelegenen Eisenbetonbau, dem einst von Steiner für seinen Dornacher Landgeber und Gönner Emil Grosheintz entworfenen Haus Duldeck, lagern, sind zwar noch nicht in einem Masse einheitlich und elektronisch erschlossen, dass sie online abgerufen werden könnten. Doch soll das Archiv künftig vermehrt der Forschung geöffnet werden. Der neue, seit Oktober 2012 tätige Archivleiter David Marc Hoffmann setzt weniger auf die Zurschaustellung musealer Stücke – wie der Wandtafeln oder der Eurythmiezeichnungen Steiners, die seit vergangenen Sommer vor Ort zu sehen waren – als vielmehr auf eine Inhalte erschliessende Zugänglichkeit des Archivs. An die Stelle des Ausstellungsraumes sollen neue Benutzer-Arbeitsplätze treten. Forscher sind vor Ort also willkommen, und auch im Rahmen des Ordnens und Erschliessens der Archivalien bieten sich schon aufgrund der Vielfältigkeit des Materials spannende Themen und Tätigkeitsfelder etwa für die verschiedensten Abschlussarbeiten. Denn auf den schätzungsweise 270 Regalmetern lagert neben dem Steiner´schen Nachlass mitsamt seiner Bibliothek auch der anderer Anthroposophen – etwa die von C. S. Picht geschaffene Sammlung der in Steiners Schriften und Vorträgen erwähnten Bücher. Ferner birgt das Archiv Stücke, die sich nicht ohne Weiteres in Archivschachteln und Kompaktusanlage fügen: so Steiners künstlerische Arbeiten, Modelle zum Bau des Goetheanums oder Eurythmiefiguren. Nicht nur für den Erhalt eines solchen Archivs, auch für die Erschliessung und Edition der Schriften bedarf es der Drittmittel und erhaltender Kräfte: Mehrere Dutzend Bände der Gesamtausgabe stehen noch aus, insbesondere eine kritische Edierung des umfangreichen Briefwechsels wäre wünschenswert sowie die archivalische Erschliessung, Digitalisierung und Transkription der Notizbücher und Notizzettel.

Kontakt: www.rudolf-steiner.com; archiv@rudolf-steiner.com

Haus Duldeck, seit 2002 Sitz des Rudolf Steiner Archivs

Weltweit Abrufbar:
Das Archiv der Basler Mission mit neuer Website

Online und damit für die Internet-Community offen steht seit Ende November das Archiv der Basler Mission (heute: Mission 21), die als pietistische Organisation seit 1815 aktiv war und dabei von den internationalen Kontakten der Basler Handelshäuser profitieren konnte. Das umfangreiche Archiv dokumentiert annähernd 200 Jahre Missionsgeschichte und birgt dabei einen enormen Fundus an Relikten des interkulturellen Austauschs vornehmlich mit den verschiedenen asiatischen und afrikanischen Ländern, in denen die Evangelische Missionsgesellschaft Basel – im 19. Jahrhundert eine der aktivsten ihrer Art – tätig war. Hervorzuheben sind besonders die unterschiedlichen Arten von Fotografien mit ihrem immensen dokumentarischen, historischen und mediengeschichtlichen Wert. Ein Teil dieses Bildmaterials, ca. 30’000 Fotos, ist schon seit einem Jahrzehnt im Netz zu bestaunen und zu benutzen. Über 6’700 Landkarten sind nun neu hinzugekommen – aufbereitet im JPEG2000-Format und aufs Genaueste zoombar. Ferner wird die bisherige Datenbank ergänzt durch die digitale Aufbereitung der alten papiernen Findmittel und Archivverzeichnisse, deren ganz unterschiedliche geschichtliche Systematik und verschiedenartigen historischen Gebrauchsspuren die zwangsläufig vereinheitlichende Integration in das neue Dokumentationssystem zu einer kniffligen Aufgabe machten. Über 67’000 Einträge hat das Docuteam – der Name der Firma ist Programm – aufbereitet und so eine enorme Datenbank zu Fotos, Karten und Personen geschaffen. Sie sind mit dem neueröffneten Webportal frei zugänglich, PDFs der kompletten Datensätze, aber auch blosse Downloads des Bildmaterials sind unkompliziert möglich; Kosten fallen nur bei kommerzieller Nutzung des Materials an.

Once upon a time in the archives – mit diesen Worten erinnerte Guy Thomas als für das Projekt verantwortlicher Archivleiter bei der Aufschaltung, dem launch der neuen Website nicht nur an die Anfänge des Projekts, die eben weiter zurückreichen als jene fünf Jahre der jüngsten Digitalisierungsphase; er formulierte damit auch eine fast märchenhaft tönende Zukunftsmusik. Denn in einem an diesem Punkt erfrischend altmodischen Plädoyer betonte Thomas, dass es nicht um eine flächendeckende Verwandlung der Archivbestände in nur mehr elektronisch umhergeisternde Objekte gehe, sondern der Wert und Nutzen der Digitalisate vielmehr in ihrer «Türöffnerfunktion» liege. Keineswegs kann das digital aufbereitete Datenmaterial je die «taktile, physische Archiverfahrung» ersetzen, es kann sie aber vorbereiten: Die mit der neuen Website erhoffte Steigerung der interaktiven Nutzung führt dann im doppelten Sinne zu einer weiteren Öffnung des Archivs. Als Realien machen die Aktenbände und Archivschachteln an die 2’000 Laufmeter aus, darunter etwa 250’000 Fotos, die in einem unterirdischen Kulturgüterschutzraum klimatisiert gelagert werden. Sie sollen durchaus auch aufgesucht und kritisch studiert werden – im Rahmen einer «partnerschaftlichen» Aufarbeitung der Missionsgeschichte. Denn die Karten und Bilder aus fernen Ländern bergen in dem Basler Kellerraum ein historisches Wissen, über das die Betroffenen, die es in ihrer Kultur und Geschichte verorten könnten, eben meist nicht verfügen. Das weltweite Netz ermöglicht hier einen globalen, interaktiven Zugang und wer einmal weiss, was ihn in Basel erwartet, findet den Weg in das Stammhaus der Mission vielleicht leichter.

Karte von Madras, 1926, 87x71cm, Papier auf Stoff. Bild: Basler Mission.

Die Objekte und Bilder, deren Daten nun auf www.bmarchives.org abgerufen werden können, wurden von der Firma Hermann & Kraemer im bayrischen Garmisch nicht nur hochwertig digitalisiert, sondern auch für eine analoge Langzeitarchivierung mikroverfilmt – man hofft auf eine Lebensdauer der Filme von um die 500 Jahre, in etwa so lange also, wie die Entdeckung Amerikas zurückliegt. Angesichts der enormen Mengen an Daten und Metadaten werden alle Suchanfragen im Netz erstaunlich prompt beantwortet; sie sind zudem unkompliziert zu spezifizieren und zu steuern: mit einem Zeitleistenregler bzw. der Untergliederung in Karten, Texte oder Bilder. Sucht man in den bmarchives etwa nach einem Mr. Steiner, so stösst man auf das Foto einer Elefantenjagd; und wer sich für das indische Adyar im 19. Jahrhundert interessiert, der findet zwar keine Karte, die diesen heutigen Stadtteil von Chennai (einst: Madras) verzeichnen würde, dafür aber genau ein Foto – ein anlässlich der Jahresversammlung der theosophischen Brüder entstandenes Gruppenbild aus den 1880er Jahren. Auch die aktuelle Ortsbezeichnung Chennai widersetzt sich übrigens der retrospektiven Suche; in anderen Fällen sind die heutigen Namen zwar verschlagwortet, es wird aber bei einer Volltextsuche im gesamten Archivkatalog nicht automatisch das entsprechende Kartenmaterial gefunden – so werden zu Sri Lanka 5 Karteneinträge aufgelistet, auf die Eingabe «Ceylon» hingegen erhält man 22 Ergebnisse. Bei einer entsprechenden Abfrage des Bildmaterials ist das Ergebnis gerade umgekehrt: 129 Einträge zu «Ceylon», 452 zu «Sri Lanka».

Jahresversammlung der theosophischen Brüder zu Adyar. Nach einer Originalaufnahme. Mr. Cooper, E. v. Weber, Subba Rao, Oberst Olcott, Mr. Leadbreater, General Morgan, Prinz Harisingshee. Bild: Basler Mission.

Einmal unter «My Archives» registriert, lässt sich die persönliche Auswahl an Karten und Bildern speichern, aber auch das Archivgeschehen kommentieren und mithin ergänzen – just dieser individuelle und vor allem interaktive Zugang ist den Betreibern der Mission 21 wichtig. Den onlineaktiven Nutzer hilfreich einzubinden vermögen dabei auch solche tools and toys wie der Georeferencer: Wer eine der vielen historischen Landkarten erkennt und dem heute real existierenden System der mapae mundi zuordnen kann, ist aufgerufen mitzutun. Wenn er oder sie per Mausklick mindestens drei Punkte der Karten in Übereinstimmung gebracht hat, schafft der Rechner den Rest – die alte Karte kann dann, je nach Standpunkt, ver- oder entzerrt und sogar dreidimensional auf Google Earth projiziert werden. Die Georeferenz bedeutet aber auch eine Verbesserung der Abfragemöglichkeiten, da parallel auf regional verankertes Text-, Bild- und Kartenmaterial zugegriffen werden kann. Und wer in anderer Form mittun will, für den gibt es auch beim Missionsarchiv einen Gönnerclub, denn wer eine Patenschaft für die Restaurierung oder Konservierung etwa eines Fotoalbums übernimmt, der investiert, wie es in dem entsprechenden Aufruf voraussichtig heisst, «in die Zukunft der Vergangenheit».

Kontakt: www.bmarchives.org