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Mit Ach und Krach zu Glanz & Gloria

von Martin Kluge

sph-Kontakte Nr. 94 | Februar 2012

Die Basler Papiermühle eröffnete am 11.11.2011 nach einer Grundsanierung ihr total überarbeitetes und erweitertes Museum. Ein Blick hinter die Kulissen.

Es war eine rekordverdächtige Umbauzeit: Im Januar 2011 begannen die Arbeiten im 2. und 3. Stock, ab 1. Juli war das Museum ganz für die Besucher geschlossen. Gut vier Monate später, am 11. November, gingen die Türen des frisch renovierten Museums wieder auf. In der Zwischenzeit wurden nicht einfach ein paar Wände gestrichen; vielmehr musste die mittelalterliche Mühle grundlegend neuen Bestimmungen angepasst werden. So wurden alle elektrischen Leitungen – rund 15 Kilometer Kabel – neu verlegt, die Hauptstromversorgung vom Erdgeschoss auf den Dachboden verlegt. Neue Brandschutzauflagen verlangten den Bau eines vollkommen neuen Treppenhauses mit breiteren Fluchtwegen, abgetrennten Brandschutzabschnitten sowie weiteren Notausgängen. Ausserdem wurde die Traglast der Böden neu berechnet, was dazu führte, dass rund 22,5 Tonnen Stahl als Bodenverstärkungen einzubauen waren. Nicht unwichtig war auch, dass zwei Wohnungen, die bisher im Museumsgebäude vermietet waren, aufgehoben und der Ausstellungsfläche zugeteilt werden konnten. So vergrösserte sich  die Ausstellungsfläche um ganze 24%. Dass ausserdem ein neuer Lift, neue Brandmelder und Alarmsysteme, sanitäre Anlagen sowie ein Blitzschutz installiert, gleichzeitig eine neue Eingangssituation und vor allem ein neuer, erweiterter Laden eingerichtet wurden, wirkt in Anbetracht aller Gewaltsleistung fast schon nebensächlich.

All diese Aufgaben vor Auge plante die Museumsleitung nicht ohne Stolz eine heldenhafte Wiedereröffnung in Glanz & Gloria und wählte dafür das einprägsame Datum 11.11.11.

Das eingerüstete Museum von der Stadtmauer aus gesehen.

In Herkules’ Fussstapfen

Nicht ganz ohne Augenzwinkern drängt sich hier der Vergleich  mit dem griechischen Heldenepos auf. Das Ausmisten des Stalls des Augias und der Basler Papiermühle dürfte wohl ähnliche Dimensionen angenommen haben. Und ähnlich wie bei Herkules, der nicht nur eine solche Aufgabe zu lösen hatte, standen auch die Pro-tagonisten der Basler Papiermühle vor weiteren Herausforderungen. Für den Umbau wurde, wie gesagt, das Museum auf den Kopf gestellt, Wände durchbrochen, gestaubt, gelärmt, gemalt und gegipst. Dennoch wurde der Betrieb und die Produktion so weit irgendwie möglich aufrecht gehalten, Kundenaufträge ausgeführt. Das Museumsteam arbeitete trotz verstellten Räumen, trotz Bohrmaschinen und Baulärm stoisch weiter.

Die nächste Herkules-Aufgabe bestand darin, auch alle Büros zu zügeln und in die neuen, noch nicht fertigen Räumlichkeiten zu verlegen. Einige Büros, wie die der Ausstellungsplaner wurden gar zweimal verlegt, was die Ordnung  und vor allem die Auslegearbeit nicht gerade erleichterte.

Erika Schöb arbeitet im Sekretariat unbeirrt weiter, selbst wenn hinter ihr, nur durch einen Staubvorhang getrennt, die Wand durchgebrochen wird.

Andreas Hoffmann beim Reinigen einer Druckpresse, um trotz Baustelle Druckaufträge erfüllen zu können.

In dieser improvisierten Situation, auf engstem Raum, ohne Platz zum Auslegen der Exponate, bei bis zur Decke zugestellten und verdichteten Depots, musste die zukünftige Ausstellung rein am Bildschirm entstehen. Für die Konzeption aller vier Stockwerke – mit zum Teil vollkommen neuen Ausstellungsteilen – stand lediglich das enge Zeitfenster von 1,5 Jahren zur Verfügung. Erst in der letzten Woche vor der Eröffnung kamen dann die Ausstellungsexponate erstmals aus den Kisten in die bereits fertig geschreinerten Vitrinen. Und nur eines der rund 500 Objekte wollte nicht in das dafür bestimmte Kistchen passen.

Arbeiten an der Bodenverstärkung der hinzugewonnenen Ausstellungsteile.

Endzeitstimmung

Angesichts dieser grossen Herausforderungen ist es nicht verwunderlich, dass es auch in diesem Projekt zu grösseren Verzögerungen kam. Entgegen des gesunden Menschenverstandes versicherten die Architekten stets «Wir werden fertig!» An diesem Satz ist auch nicht zu rütteln, denn das Museum konnte tatsächlich (fast) fertig auf das angekündigte Datum eröffnet werden. Interpretationsfreiheit gab es dabei allerdings im «wie» und «wann» fertig werden. Der neue Laden, laut ersten Planungen bereits ab Anfang August zum Bezug freigegeben, konnte erst zwei Tage vor der Eröffnung eingerichtet werden; der Lift fuhr erst fünf Tage vor der Eröffnung. Alle Baumaterialien, Ausstellungsteile und  Vitrinen mussten von Hand die Treppen hinauf getragen werden. Selbst drei Wochen vor der Wiedereröffnung waren die Räume der neuen Ausstellungsteile unbetretbar, entweder weil überhaupt noch kein Boden vorhanden war, oder weil dieser zugestellt war von anderen Ausstellungsteilen, die zwecks Bodenpflege geräumt werden mussten.

Es blieb also nichts anderes übrig, als für die letzten Wochen alles an Kräften zu bündeln und zusammenzuziehen, was irgendwie aufzutreiben war. Letztendlich gelang es dennoch mit viel Fleiss, das Museum mit Glanz und Gloria oder eben eher mit Ach und Krach rechtzeitig zu eröffnen.

Über das Ergebnis des Gewaltakts müssen nun andere urteilen als der Schreibende. Oder besser noch, der geneigte Leser soll sich am besten gleich vor Ort ein Bild des neuen, erweiterten Museums machen.

Dafür wurden auch die Öffnungszeiten verlängert. Das Museum ist nun folgend geöffnet:
Dienstag bis Freitag: 11 bis 17 Uhr
Samstag: 13 bis 17 Uhr
Sonntag: 11 bis 17 Uhr

Die neue Besucherdruckerei rund zwei Monate vor der Eröffnung. Die Bodenbalken wurden durch Stahlträger ersetzt, damit der Boden der neuen Nutzung stand hält.

Wandmalereien aus dem späten 17. Jahrhundert in den neu hinzugewonnenen Ausstellungsräumen.

Einblick in die neue Ausstellung: der Lumpenkeller. Dieser wurde in seiner alten Funktion wieder hergeichtet und dient heute als Ausstellungsfläche zum Thema Lumpen, gleichzeitig aber auch als Workshopraum mit zwei weiteren Besucherbütten. Die Säcke im Vordergrund sind Hörstationen mit Literaturzitaten zum Thema Lumpensammler. Hinten in der Raumecke befindet sich die von der SPH gestiftete Nasspresse für die Besucherworkshops.

Ein neues Highlight stellt der funktionsfähige Nachbau der Robert’schen Papiermaschine in Originalgrösse dar. Es ist das Exemplar, das im Technischen Museum Berlin entstand und nun in Basel wieder in Betrieb gesetzt werden soll.