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Rio, Rixheim, Roppentzwiller – Panoramatapete von der Rolle

von Nana Badenberg

sph-Kontakte Nr. 93 | Juli 2011

Im Mai 1825 kam der junge Augsburger Maler Johann Moritz Rugendas nach Paris, eine Vielzahl von Bildern und Skizzen im Reisegepäck. Rugendas hatte über zwei Jahre in Rio de Janeiro gelebt und ein halbes Jahr zusammen mit der Expedition des deutsch-russischen Barons von Langsdorff im brasilianischen Regenwald verbracht. In der französischen Hauptstadt machte Rugendas dann schnell die Bekanntschaft des ersten und prominentesten der Amerikareisenden seiner Zeit: Alexander von Humboldt sah die in Brasilien gefertigten Bilder und in Rugendas den Vertreter einer jungen Generation von Malern, die den «Charakter ferner Weltgegenden» erstmals aus eigener Anschauung kannten und daher, so Humboldts Hoffnung, wissenschaftlich exakt und ästhetisch ansprechend zugleich wiedergeben konnten. 

Der Maler Rugendas verdankte Humboldt die Förderung seiner späteren Reisen nach Mexiko und Chile, zunächst einmal aber den Kontakt zu dem Pariser Lithographen und Verleger Godefroy Engelmann, der seine 100 farbige Lithographien umfassende Malerische Reise in Brasilien (1831–1835) herausbrachte. Noch während Engelmann die Blätter dieses Sammelwerkes anfertigte, die dem damals beliebten Genre einer pittoresken Reise angehörten, liess er die wie er aus Mulhouse stammende Familie eines Aktionärs seines Verlagshauses von dem Projekt wissen. Am 9. April 1829 schrieb Frédéric Zuber seinem Vater: «les voyages de Rugendas ofriraient des matériaux bien précieux à Deltil …» Der Rixheimer Tapetenfabrikant Jean Zuber, ein findiger, an allen Neuerungen und Neuigkeiten interessierter Unternehmer, scheint auf diese Anregung reagiert zu haben. Denn am 7. September 1829 vermeldet sein Entwurfszeichner Jean Julien Deltil (1791–1863)  aus Paris: «M. Engelmann a mis à ma disposition … les materiaux qui serviront à lachèvement du voyage de Rugendas».  Die von Deltil aus Rugendas’ Vorlagen zusammengestellte Tapete kam 1830, und damit noch vor Rugendas’ Reisewerk, selbst auf den Markt.

Panoramatapeten wie die Vues du Brésil waren eine spezifisch französische Erfindung, die sich an ein breiteres patrizisches wie bürgerliches Publikum richtete.  Solche tableau-paysages, wie sie damals hiessen, wurden in alle Welt verkauft und stellten «alle Welt» dar. Die Vielfalt und Differenz des pittoresken Genres liess sich aufs Trefflichste in das Medium Tapete übertragen; das Episodische der einzelnen lithographischen Blätter eignete sich für die rhythmische Untergliederung der Bildtapete und deren beliebige Zusammensetzung. Daraus resultierte die bei der massenhaften Anbringung in je unterschiedlichen Räumen nötige Wandelbarkeit der Komposition. Denn die Bahnen werden nach den innenarchitektonischen Erfordernissen jeweils neu zusammengestellt; die akzidentiellen Erlebnisse der Staffagefiguren, die die Landschaftsdarstellungen beleben, lassen sich dementsprechend komponieren. Als die Brasilientapete auf den Markt kam, wurde sie in einer begleitenden Werbebroschüre als pittoreske Reise gerühmt: «Nichts schien uns geeigneter die Neugier zu wecken, als eine pittoreske Reise durch Brasilien: Nichts schien uns interessanter als ein Panorama, das auf einer Fläche von 50 Fuss die verschiedensten Schauplätze, Gesichter und Trachten zeigt, die unterschiedlichsten Bewohner dieses schönen Landes, in dem man zugleich ein Bild der blühendsten Zivilisation und Szenen betrüblichster Barbarei antrifft. Durch diese Landschaft kann man reisen, ohne von zu Hause weggehen zu müssen.»

Eine belehrende Zimmerreise also, die mit dem Studium der Reiseberichte konkurrieren will bzw. diese ergänzt. Denn wenn die Bücher ein Fenster zur Welt öffnen, dann wird die Lektüre in der Bildtapete imaginativ fortgesetzt und die Sehnsucht des Lesers nach fremden Welten im tatsächlichen Ausblick auf die Wand realisiert: Sei es in Form der idyllischen Vergangenheit Arkadiens, der romantischen Fremde oder des erhabenen Alpenpanoramas. Diese Themen zumindest teilt die Panoramatapete mit den etwa zeitgleich aufkommenden Bildmedien einer immer populärer werdenden Sehsucht. So wurden seit den 1790er Jahren Panoramen grossen Stils in eigens für sie geschaffenen Rundbauten öffentlich gezeigt und leisteten, so O-Ton Humboldt, «mehr als die Bühnentechnik, weil der Beschauer, wie in einen magischen Kreis gebannt und aller störenden Realität entzogen, sich von der fremden Natur selbst umgeben wähnt.»  Solch panoramatische Inszenierungen des Fremden und Anderen konnten dank Dioramen und ähnlichen Techniken als Zimmerreisen im privaten Rahmen nachgestaltet werden. Das Hinein­holen der grossen weiten Welt in den begrenzten Raum des bürgerlichen Interieurs macht den Reiz, aber auch die Behaglichkeit der Bildtapeten aus. Der Traum vom Abenteuer in der Fremde bricht sich an der begrenzenden und Schutz gewährenden Stubenwand, er wird zu einem überschaubaren, leicht zu goutierenden Spektakel, zum geselligen Konversationsstück einer immer expansiver agierenden Gesellschaft.

Les Vues de Brésil verkauften sich gleich nach ihrem Erscheinen 1830 recht gut – 247 Stück in diesem und dem darauffolgenden Jahr.  1834 erhielt die Tapete auf der Exposition des Produits des lIndustrie gar eine Goldmedaille, die erste, die an eine Tapetenmanufaktur ging. Deltil übrigens erhielt für seinen Entwurf der Vues du Brésil 5000 Francs. Zuerst fertigte er wie gemeinhin üblich einen kleinformatigen Entwurf, auf dem bereits die Einteilung der Bahnen angezeichnet war; sobald dieser genehmigt war, wurde der Entwurf Bahn für Bahn in der tatsächlichen Grösse ausgeführt. Hergestellt wurde die Panoramatapete in einem recht aufwendigen Verfahren des Modeldrucks. Für die brasilianischen Ansichten mit ihren 30 Bahnen à 50,8 cm wurden immerhin 1693 Model geschnitten, was allein 7 Monate und um die 20 Holzschneider in Anspruch nahm. Beim Druck selbst fanden 247 Farben Verwendung – und finden es noch heute, denn die Tapete wird auf Bestellung noch immer gefertigt.

Technikgeschichtlich faszinierend ist dieses Verfahren insofern, als die Panoramatapeten mit ihrem Modeldruck in einer historischen Umbruchsituation entstanden. Galten sie im Moment ihres Aufkommens noch als avancierte Fabrikationsmethode, so wurde der Modeldruck bald schon abgelöst von Druckmaschinen, die sechs (1865), zwölf oder gegen Ende des Jahrhunderts (1881) dann 16 Farben aufs Mal auftragen konnten und so repetitiv-ornamentalen Motiven zum Durchbruch verhalfen. Nicht mehr handgemalt und noch nicht industriell von der Rolle gefertigt, ist der Modeldruck Manufakturbetrieb im eigentlichen Sinne.

Zudem der Garaus bereitet wurde der Panoramatapete fast subversiv, von unten, von ihrem eigentlichen Untergrund her. Denn dort breitete sich der Fortschritt zuerst aus. So wurde der Fond der Vues de Brésil nach einem neuartigen Verfahren gefertigt, dem Irisdruck, den Michael Spörlin (1784–1857), ein Schwager Zubers, 1816 erfunden hatte. Der irisierende Farbverlauf auf den Tapeten der Wiener Firma Spörlin & Rahn gehörte zu den Verkaufsschlagern biedermeierlichen Inneneinrichtung. Diese grafischen Regenbogenmuster, die heute ebenso verstörend kitschig wie modern anmuten, wurden von Zuber in Rixheim erfolgreich weiterent­wickelt – unter anderem zu einer nuancenreich grundierten Himmelsdarstellung, die immer wieder gerühmt wurde.

Die Vues du Brésil waren zudem die erste Panoramatapete, die auf Rollenpapier gedruckt wurde. Jean Zuber war – für eine konkurrenzfähige Herstellung von Tapeten war das überlebensnotwendig – enorm interessiert an allen Neuerungen in der Papierherstellung.  Schon 1804 hatte Zuber, um seinen Papierbedarf zu decken, von dem Basler Buchdrucker Johann Jakob Thurneysen dessen Papiermühle im sundgauischen Roppentzwiller erworben. Thurneysen konnte die Mühle, die er erst 1788 von dem aus Kienbach in Württemberg stammenden Gaspard Oehl übernommen hatte, aufgrund der zunehmenden Beschränkungen und Repressionen bei der Papierausfuhr nicht mehr halten. Zu Beginn der 1820er Jahre interessierte sich Zuber vehement für die neuen Papiermaschinen, da die Fabrikation von Endlospapier für die Tapetenherstellung ideal gewesen wäre. Ebenso beobachtete Zuber andere Neuerungen und Verbesserungen wie etwa die Masseleimung. Es dauerte allerdings bis 1829, bis sich Zuber eine entsprechende Papiermaschine anschaffen sollte. Er entschied sich schliesslich für eine «machine Ferdinand», wie das Modell von Ferdinand Lestenschneider genannt wurde, und liess diese Rundsiebmaschine in Roppentzwiller von seinem Jugendfreund Amédée Rieder verbessern und weiterentwickeln. Eine aufwendige, aber gleichwohl erfolgreiche Aktion. Rieder scheint später als Teilhaber in die Papiermühle eingestiegen zu sein; denn diese wurde von 1851 als Zuber, Rieder et Cie unabhängig von der Tapetenherstellung weitergeführt.

So revolutionär das Rollenpapier für die Tapetenherstellung war, da es einen entsprechend fortlaufenden Druck der Tapetenbahnen ermöglichte, eine individuelle Gestaltung der dargestellten Tapetenlandschaften oder gar eine kleinteilige Aneinanderreihung von verschiedenen Episoden mit Staffagefiguren aus aller Welt war damit nicht mehr möglich. Gerade das Maschinenpapier und die damit einhergehende Mechanisierung der Tapetenherstellung führte zum Niedergang der im Modeldruck hergestellten Bildtapeten. Mit den schnell zu bedruckenden Rollentapeten verdrängte Zuber nicht nur die rege, jedoch mit Holzmodeln arbeitende Konkurrenz in seiner Region, sondern er grub sich letztlich selbst das Wasser ab. Heute dürfte die internationale Nachfrage nach den Rixheimer Panorama­tapeten trotz der in Paris, London, New York, Moskau und Dubai situierten Niederlassungen eher gering sein, wenngleich exquisit. Die 1834 ebenfalls von Deltil entworfene Tapete Vues d’Amérique du Nord schmückt immerhin auch unter Obama im Weissen Haus noch den Empfangs­saal für das diplomatische Corps.

Jean Julien Deltil, «Les Vues du Brésil» Panoramatapete (Ausschnitt), um 1830.