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Eine unveröffentlichte Textstelle zur Scuoler Papiermühle

von Urs Schocher

sph-Kontakte Nr. 93 | Juli 2011

Die Scuoler Papiermühle wird in verschiedenen Quellen-Textstellen erwähnt. Zwei davon sind bereits von Karl Lüthi-Tschanz (1917) zitiert worden. Eine weitere hat Remo Bornatico (1971 und 1976) angeführt. Die betreffenden Textstellen stammen von Nicolin Sererhard (1742), Johann Jakob Leu (1760) und Petrus Dominicus Rosius a Porta (1785). Sämtliche drei Textstellen lagen zum Zeitpunkt der Zitierung im Druck vor.

Neben den genannten Zitierungen existiert noch eine weitere bislang unveröffentlichte Textstelle zur Scuoler Papiermühle. Sie findet sich in einer undatierten Handschrift des genannten Kirchen­historikers Petrus Dominicus Rosius a Porta (1734–1806). Das entsprechende Manuskript (StAGR B 1500b 2) behandelt die Unterengadiner Pfarrereigeschichte (Titel: COLLOQUIUM [MINISTERII] INFERIORIS OENGADINAE comprehendens Ecclesias infra Pontem altum & cis Valderam montem in Monasteria Valle Comitatu Tyrolis cinctas). Dieses Manuskript wiederum war Teil eines geplanten umfassenderen Werkes von a Porta. Es sollte die kirchliche Topographie und Prosopographie des evangelischen Teils von Graubünden behandeln.

Der Textausschnitt findet sich im Zusammenhang mit der Darstellung der Kirchengeschichte von Scuol (Abschnitt SCULLIUM seu SCOLIUM). Die Textstelle gibt einerseits Auskunft über den Beschaffungsort der Einrichtung für die Scuoler Druckerei (Augsburg). Ferner enthält sie grobe Informationen zum angeblichen zeitlichen Bestehen der Scuoler Papiermühle und zur Ursache ihres Abganges. Das Zitat hat folgenden Wortlaut:

«Nunc ad Ecclesiae ministerium Annis XXI. transactis, NICOLAUS VULPIUS, Paroecianis inuitis locum cessit genero JACOBO HENRICO DORTA, qui nuper Thosana in patriam veniebat. Hic DORTA industrius Typographicae Artis cultor fuit, qui suopte ductus ingenio in ea profecit, & communi cum Affine JACOBO ANTHONIO VULPIO, Vettoni[i] Ministro sumtu, Augustâ Vindelicorum procuratam Typographicam Officinam SCOLII instruxit ex quâ & inprimis S. BIBLIORUM versio, & in Ecclesiae beneficium utilia opera alia plura edita sunt, quorum recensionem singulari Capite daturi sumus. Accessit postea Officina etiam Chartaria, sed quae a torrente praeterfluente detrimentum passa, nostra aetate interiit. Ob idem studium ac propositum Dûûm hi viri optimo iure cum ALDIS, MANUTIIS, PLANTINIS, FROBENIIS, HERVAGIIS, OPORINIS, ISINGRINIIS, aliisque eruditis Typographis comparandi».

Die Scuoler Papiermühle entstand demzufolge erst nach der Druckerei [d.h. nach ca. 1660] (postea). Ferner soll sie a Porta zufolge bis ins 18. Jahrhundert oder allenfalls noch in der Lebenszeit desselben (nostra aetate) bestanden haben. Als Grund für den Abgang der Papiermühle nennt der fragliche P. D. R. a Porta eine erfolgte Beschädigung durch ein Hochwasser eines vorbeiführenden Wildbaches (a torrente praeterfluente detrimentum passa).

Quellen für die genannten Informationen werden von a Porta nicht angegeben. Denkbar wäre, dass P. D. R. a Porta sich bei seinen Aussagen bereits auf die gedruckt vorliegenden Werke von Nott da Porta (1742) und von Johann Jakob Leu (1760) gestützt hat. Der Pfarrer und Säkularhistoriker Nott da Porta (1696–1767) berichtet in seiner Bündner-Chronik (Chronica Rhetica …) (Scuol 1742) von einer grossen Rüfe am 9. September 1726. Sie soll drei Mühlen in Scuol vollständig mitgerissen haben. Men Rauch (1922) hat später den Abgang der Scuoler Papiermühle im Speziellen mit dieser Rüfe zu erklären versucht. Die Information über das Bestehen der Scuoler Papiermühle noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts findet sich bereits bei Johann Jakob Leu (1760). Er stützte sich dabei vermutlich auf Angaben in der Einfalten Delineation von Nicolin ­Sererhard (1742).

Neu gegenüber den bisher genannten Quellen zur Scuoler Papiermühle (1742, 1760, 1785) ist beim genannten Manuskript von P. D. R. a Porta einerseits die Aussage über das Verhältnis der zeitlichen Abfolge zwischen der Gründung von Druckerei und Papiermühle. Neu ist ferner die Angabe eines Grundes für den Abgang der Papiermühle.

Eine Neuigkeit hätte zur Zeit von P. D. R. a Porta vielleicht auch die Angabe von Augsburg als dem Beschaffungsort der Druckereieinrichtung dargestellt. A Porta hat die entsprechende Information daneben in seine Darstellung zur ersten Scuoler Bibel (1679) aufgenommen. Leider sind die beiden Manuskripte nicht im Druck erschienen. Derselbe hätte möglicherweise die erstmalige Erhebung der entsprechenden Information in den Status des gedruckten Wortes bedeutet.

Aus heutiger Sicht dagegen ergibt sich aus der Angabe des entsprechenden Beschaffungsortes keine neue Information mehr. Derselbe war bereits in einer Rechnungs-Führung des Druckerei-Gründers Jon Pitschen Saluz verschiedentlich vermerkt worden. Das entsprechende Manuskript von Saluz findet sich heute in der Biblioteca Fundaziun Planta in Samedan. Vielleicht hat auch P. D. R. a Porta selbst dieses Manuskript seinerzeit als Quelle genutzt. Es ist im Jahr 1944 durch Men Bazzell erstmals veröffentlicht worden. Gut zwei Jahrzehnte später (1965) wurde die Ausgabe in einer leichter zugänglichen Form noch einmal abgedruckt. Die hier in Frage stehende Information betreffend die Beschaffung der Druckereieinrichtung in Augsburg im Speziellen war sogar bereits durch Andri N. Vital (1927) in seiner Darstellung über die Scuoler Druckereien mitgeteilt worden. Vital nennt zwar (leider) keine entsprechende Quelle. Die vorausgehenden Informationen weisen jedoch ziemlich eindeutig auf das damals noch unveröffentlichte Manuskript von Saluz hin. Dieses befand sich bereits seit 1918 im Besitz von Peider ­Lansel (1863–1943). Zur Zeit der Veröffentlichung durch Bazzell (1944) war es eben im Haus des verstorbenen Lansel in Sent aufgefunden worden.

Die Angabe des Beschaffungsortes der Druckereieinrichtung bei P. D. R. a Porta zeigt, dass derselbe gegen Ende des 18. Jahrhunderts entweder immer noch bekannt oder dann aber durch P. D. R. a Porta wieder erschlossen worden war.

Auch die Inhalte der oben wiedergegebenen Textstelle zur Scuoler Papiermühle sind nicht neu. Sie finden sich bereits in der kurzen Darstellung von Alexander Bernhard (1963) über die Papierherstellung in Graubünden. Neu sind hingegen die Angabe des Quellenstandortes und die Wiedergabe des Textes im Original-Wortlaut.

Über die Quellenstandorte der Erwähnung der ­Scuoler Papiermühle in den Schriften von P. D. R. a Porta haben sich im Lauf der Zeit irreführende Angaben entwickelt. Bei Karl Lüthi-Tschanz (1917) findet sich noch eine klare Quellenangabe. Andri N. Vital (1927) hat den genaueren Standort hingegen nicht mehr offengelegt. Der damalige Kantonsbibliothekar Friedrich Pieth (1940) spricht anschliessend erstmals von einer Erwähnung der Scuoler Papiermühle in der Kirchengeschichte von P. D. R. a Porta. Auch der spätere Kantonsbibliothekar Remo Bornatico (1971 und 1976) bezeichnet in der Folge gleichbedeutend die Historia Reformationis ecclesiarum raeticarum (Chur und Lindau 1771–1777) als Quelle für die Scuoler Papiermühle. Dabei behandelt der im Druck erschienene Teil von a Portas Kirchengeschichte (Bände I–II) tatsächlich aber nur die Zeit bis etwa zur Mitte des 17. Jahrhunderts.

A Porta hat seine Bündner Reformationsgeschichte bis in die eigene Zeit fortgesetzt. Ein entsprechendes Manuskript für diesen dritten Band von a Portas Kirchengeschichte ist in den 1990er-Jahren von Pfarrer Erich Wenneker aufgefunden worden. Es findet sich unter den Beständen des Staatsarchivs Graubünden. In diesem Manuskript fehlen die ersten 26 Seiten (Kapitel I–VI) (mit der Behandlung der Zeit von ca. 1642–1680). Schon Wenneker selbst hat vermutet, dass sich unter diesen nicht vorhandenen Kapiteln (u.a.) auch die Behandlung der ersten Scuoler Bibel (von 1679) befinden dürfte. Jan-Andrea Bernhard (2003/2005) hat schliesslich das fehlende Kapitel über die erste Scuoler Bibel (De versione Bibliorum in idioma Oengadinae) in einem anderen Bestand des Staatsarchivs Graubünden aufgefunden und (virtuell) in die entsprechende Gliederung des dritten Bandes eingeordnet. Auch dieses Manuskript über die erste Scuoler Bibel enthält aber keine Aussage zur Scuoler Papiermühle.

P. D. R. a Porta hat neben der umfangreichen lateinischsprachigen Kirchengeschichte (Historia Reformationis) (1771–1777) auch eine kurzgefasste italienischsprachige Bündnergeschichte verfasst (Compendio della Storia della Rezia …) (1787). Erich Wenneker (1996) bezeichnete dieses Werk als «eine Kurzfassung der Reformationsgeschichte in italienischer Sprache mit weltlichen Ergänzungen». Diese (kurzgefasste) Bündnergeschichte umfasst im Wesentlichen ebenfalls nur die Zeit bis 1640. In einem kurzen abschliessenden Kapitel wird allerdings noch die spätere Zeit bis zur damaligen Gegenwart behandelt. Dabei sind ganz am Schluss die Errichtung der Druckereien in den Drei Bünden sowie die drei romanischen Bibelausgaben (1679 und 1743; 1718) aufgeführt. Die Scuoler Papiermühle wird dagegen auch hier nicht erwähnt.

Der Zeitpunkt der Gründung der Scuoler Druckerei ist in a Portas Bündnergeschichte (1787) versehentlich auf das Jahr 1670 (statt ca. 1660) gelegt. Im entsprechenden Druckfehler-Verzeichnis findet sich dazu keine Korrektur. In seinem Manuskript zur ersten Scuoler Bibel (1679) hat a Porta den Zeitpunkt hingegen richtig wiedergegeben. Frühere Scuoler Drucke (zwischen 1660 und 1670) werden von ihm daneben auch im Manuskript seiner Ftaner Kirchengeschichte (o.D.) [späteste Jahreszahl: 1784] sowie im Appendix zur gedruckten Version derselben (1785) genannt.