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Die Wasserzeichen der Bibelausgaben aus Scuol

sph-Kontakte Nr. 90 | Dezember 2009

2008 wandte sich Herr Dr. Peter Möhr, Wädenswil, an die Basler Papiermühle mit der Bitte um Identifikation einiger Wasserzeichen in ältesten rätoromanischen Drucken, unter anderem auch der Wasserzeichen der beiden in Scuol gedruckten Bibeln von 1679 und 1743. Je ein Original-Exemplar dieser beiden Ausgaben aus Privatbesitz konnten in der Basler Papiermühle untersucht werden. Hier die Ergebnisse:

Beim Exemplar A, der Ausgabe des 17. Jahrhunderts, handelt es sich um einen alten, geprägten Pergamentband über Holzdeckeln (Stil 17. Jh.), mit Beschlägen und Schliessen. Der Erstbesitzereintrag ohne Datum auf dem geflickten Vorsatz lautet: Jachiam Jan Sallis. Der vordere Deckel weist einen alten, geflickten Bruch auf; der Band wurde teilweise restauriert. Die einzelnen Textteile weisen ein unterschiedliches Druckdatum auf.

Dieses Exemplar entspricht also nicht in allem der Erstausgabe! Zwei Entstehungs-Hypothesen sind möglich: Entweder handelt es sich um ein Restexemplar der Erstausgabe von 1679, das nach 1743 mit neuem Titel und neuer Annotatio versehen wurde, oder der Band wurde anlässlich der Reparatur einer Beschädigung (kurz nach 1743) mit Teilen des Neudrucks ergänzt.

Das Exemplar B, die Ausgabe des 18. Jahrhunderts, präsentiert sich als alter Lederband über Holzdeckeln im Stil der Zeit, ohne Beschläge, mit Schliessen, ohne Erstbesitzereintrag, jedoch mit Familien-Eintragungen (18./19. Jh.) auf den Leerseiten. Titel, Text und Zusätze sind vollständig und entsprechen dem Neudruck von 1743.

Der Wasserzeichenbefund macht klar, dass – entgegen der Meinung von Herrn Dr. Möhr, der Gründer der Druckerei in Scuol, Jakob Dorta, habe die Papiermühle um 1670 im Hinblick auf den geplanten Bibeldruck gegründet und in der Folge das Papier seiner Mühle dazu eingesetzt – für die erste Ausgabe, aber auch für die zweite, jeweils ein einheitliches Papier, und zwar für die ältere Ausgabe importiert aus einer Mühle des Allgäus in Kempten, verwendet worden ist. Das passt zur Notiz, Dorta habe die Druckerei-Ausstattung in Augsburg erworben und nach Scuol gebracht. Offensichtlich liegen dem direkte persönliche und geschäftliche Beziehungen zum Allgäu und zu Bayern zugrunde.

Vielleicht hat aber Herr Dr. Möhr im Grunde doch Recht: Dorta hat seine Papiermühle im Hinblick auf das Bibelwerk gegründet, mit der Papierproduktion begonnen, aber feststellen müssen, dass weder die gewünschte Qualität noch die benötigte Menge in Scuol zu erzeugen waren. Deshalb importierte er das für den Bibeldruck erforderliche Papier aus Kempten. Sein Scuoler Papier verwendete er für kleinere Drucke aus Eigenproduktion. Beleg für dieses Szenario ist das einzige bisher gefundene Scuoler Wasserzeichen, der Majuskel-Schriftzug SCVOL in einer Herzkranz-Kartusche.

Neben einzelnen Blättern, meist italienischer Herkunft, sind die folgenden Wasserzeichen als ‹Leit­fossilien› vorzustellen:

Der Druck von 1678/79

Hl. Hildegard mit Krone und Lettern H K
IPH-Klasse  A5/2/4 – R3/1 – R9 – X1 ‹H K›
Kettzahl (Wasserzeichenfeld)  29 – 26 – 30 mm
Rippzahl (Wasserzeichenfeld)  17
B/H 41 x 42 mm
Es sind Varianten mindestens zweier Siebpaare festzustellen.
Zuweisung:
Papiermühle Kempten/Au;
Papiermacher Hans Koneberg

Auch in der um 64 Jahre jüngeren Ausgabe findet sich Import-Papier derselben Kempter Mühle, allerdings nur für die Titelseiten. Das eigentliche Auflagen-Papier jedoch gibt Rätsel auf.

Der Druck von 1743

Titelblatt und einzelne Seiten:
Hildegard-Brustbild unter Krone in hochovaler floraler Zierkartusche; darunter Majuskeln W A F.
IPH-Klasse  A5/2/4 – R3/1 – R9 – X1 ‹W A F›
Kettzahl (Wasserzeichenfeld)  23 – 23 – 24 – 23 mm
Rippzahl (Wasserzeichenfeld)  18
B/H 58 x 93 mm
Zuweisung:
Papiermühle Kempten/Au;
Papiermacher Franz Anton Weitenauer

Mehrzahl der Textbogen

Hauptmarke: Löwe IPH-Klasse  C17/1
Kettzahl (Wasserzeichenfeld) 28 – 29 mm
Rippzahl (Wasserzeichenfeld) 22
B/H 55 x 75? mm   

Mehrere Siebpaarvarianten sind vorhanden!
Die Qualität liegt unter derjenigen der Titelseiten (Kempten)

Kontermarke

Versalien          K
                      G V G            (oder CVC?)
IPH-Klasse  X1 ‹G V G›    ‹K›
Kettzahl (Wasserzeichenfeld) 29 mm
Rippzahl (Wasserzeichenfeld) 23
B/H 49 x 47 mm
Stellung am unteren Bogenrand

Hl. Hildegard-Wasserzeichen mit Krone und Lettern H K (Exemplar A, Druck von 1678/79)

Wasserzeichen mit Hildegard-Brustbild unter Krone, in hochovaler floraler Zierkartusche; darunter Majuskeln W A F (Exemplar B, Druck von 1743)

Zuweisung:

Eine direkte Zuweisung ist noch nicht gelungen. Der Löwe entspricht dem Typ der aufgerichteten Löwendarstellung z.B. im ‹ProPatria›-Papier, stellt also nicht den Markuslöwen dar. Damit ist eine Herkunft aus dem Veneto wenig wahrscheinlich. Das ‹K› der Kontermarke ist wiederum das Kennzeichen der Papierer von Kempten. Es sei aber darauf hingewiesen, dass dieses ‹K› Gegenstand von Nachahmungen aus anderen Mühlen des Allgäus (Memmingen; Kaufbeuren) mit entsprechenden Gerichtsfolgen bildete. Die Lettern ‹C› der Kontermarke lassen sich auch als ‹G› lesen; der Stil der Lettern findet sich auch in zeitgleichen Allgäuer Papieren wieder. Vereinzelt taucht seit dem 17. Jahrhundert Löwenpapier aus Kempter Mühlen auf, jedoch nicht in der vorliegenden Form. Recherchen in der mit bayrischen Wasserzeichen gut dotierten Sammlung Nadler (heute in der Basler Papiermühle) verliefen jedoch ergebnislos, und auch eine Nachfrage in der grössten erschlossenen Sammlung Deutschlands, der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, wurde sowohl bezüglich des Löwen als auch der Kontermarke für das Allgäu in der fraglichen Zeit negativ beantwortet. Keiner der bekannten Allgäuer Papierer trägt einen entsprechenden Namen.

Nun findet sich aber genau dieser Löwe in Papieren der ursprünglich südtirolischen Papiermühle von Rovereto, nordöstlich des Gardasees, wieder, und zwar vom Ende des 18. Jh., allerdings mit anderen Kontermarken. In einzelnen der überlieferten Mühlenurkunden der Zeit finden sich sogar Namen, die dem Kürzel der Kontermarke in der Bibel aus Scuol entsprechen könnten.

Der Stil der Kontermarke und entsprechende Lettern-Formen sind aus dem damaligen Südtirol dutzendweise belegt. Bleibt also noch eine Erklärung für den Buchstaben ‹K› zu finden, der nach altem Brauch in der Anordnung der Lettern die Papiermühle oder zumindest deren Region bezeichnen sollte. Damit scheiden alle nicht deutschen Namen aus. Bei einer Interpretation von ‹K› für Kempten oder den Allgäu müsste man eine Auftragsfertigung für einen Kemptner Papierer oder eher Händler annehmen, der ein entsprechendes Wasserzeichen verlangt hätte; auch das Anfertigen einer entsprechenden Form durch einen Südtiroler Siebmacher wäre möglich. Angesichts der Diskussion um die Enddaten der Papiermühle Scuol und der europaweit üblichen ‹Gebräuche› der Papiermacher darf die Vermutung, die dortige Druckerei hätte ein solches Sieb ‹ausgeliehen› oder gekauft, um das Bibelpapier in Scuol zu produzieren, fallen gelassen werden.

Andererseits fällt auf, dass in eben der Bibel-Ausgabe von 1743 sich eine Reihe von Einzelpapieren italischen Ursprungs mit dem Auflagenpapier vergesellschaftet finden; für uns ein Hinweis, doch an eine Herkunft aus dem Süden zu denken, gerade weil Beziehungen von Scuol zum Südtirol in der damaligen Zeit das Natürlichste von der Welt waren. Nun gibt es im Südtirol mehrere grössere Orte, deren deutsche Namen mit ‹K› beginnen. Einer ist den Weinkennern bestens bekannt: Kaltern (heute italienisch: ‹Caldaro›). In Frage kämen auch die beiden ‹Klausen› (it. Chiusa, bei Bozen, und Clusone, bei Bergamo). Leider finden sich im nicht immer genau recherchierten Werk von Eineder – dem einzigen, das einen Überblick über die norditalischen Papiermühlen östlich von Mailand vermittelt – keine Hinweise auf dortige Papiermühlen. Anders jedoch die bis in die moderne Zeit bestehende Papiermühle von Cavalese im Fleimser Tal. Die benachbarten Dörfer heissen nämlich in deutscher Sprache Kalditsch, Kaltenbrunn und Kastel. Belege werden vor Ort gesucht werden müssen.

Zu bedenken ist ferner, dass auch das Papier auf dem nachträglich, nämlich 1745 zur Erlangung einer Subvention, eine Widmung der Bibel von 1743 an Friedrich II. von Preussen gedruckt worden war, wiederum von Franz Anton Weitenauer aus Kempten stammt. Wie das Papier der Titelseiten der 1743er Bibel unterscheidet sich auch dieses eindeutig von der etwas schlechteren Qualität des Löwen-Papiers – ein weiterer Hinweis, dass die Südtiroler Spur nicht abwegig, also weiterzuverfolgen ist! Wie so oft in der Papiergeschichte muss man die Hoffnung auf künftige Forschungen setzen.

Druckdaten Exemplar A

Titelblatt:
Gadina/Rauch 1743

Annotatio (im Text datiert 1678)
Druck 1743

AT 1 (Genesis bis Hohes Lied)
Druck 1678 (1679?)

AT 2 (Propheten)
Druck 1678

NT
Druck 1679

Apokryphen (mit Corrigenda)
Druck 1679

Druckdaten Exemplar B

Ill. Titel:
Gadina/Rauch 1743

Texttitel:
Gadina/Rauch, 1743

Approbatio (im Text erwähntes Datum 1679)
Druck 1743

Praefatio (kein Datum erwähnt)
Druck 1743

Annotatio
Druck 1743

AT1 (Genesis bis Hohes Lied)
Neusatz und Druck 1743

AT 2 (Propheten)
Neusatz und Druck 1743

NT (mit Corrigenda)
Neusatz und Druck 1743

Apokryphen
Neusatz und Druck 1743

Register
Druck 1743

Löwen-Wasserzeichen aus einem der Textbogen (Exemplar B, Druck von 1743)

Kontermarke mit den Versalien G V G (oder CVC?) (Exemplar B, Druck von 1743)